Krimiblogger
Zahlen und Zeichen
In diesem Blog entsteht ein Kriminalroman, dessen Plot in Grundzügen feststeht, dessen Realisation aber den Gesetzen des Bloggens unterliegt: erstens wird jeder Teil separat geschrieben, sofort veröffentlicht und nicht mehr verändert. Dadurch wird das Schreiben zu einem linearen, irreversiblen Prozess. Zweitens sind jederzeit Kommentare möglich und erwünscht. Damit wird das Schreiben zwar nicht gerade zu einer interaktiven Angelegenheit, ist aber nicht mehr zu 100% individuelles Schreiben (was das Ganze nur besser machen kann :-). Drittens ist jeder Text, der im Internet veröffentlicht wird, gleichzeitig Hypertext, bietet also die Möglichkeit des Verweisens und Verlinkens. Wenn ich das technisch hinbekomme, sollen diese Möglichkeiten z.B. zu einem Schreiben auf zwei Ebenen genutzt werden: eigene Kommentare sollen Handlung, Charaktere und das Schreiben selbst reflektieren. Daneben sind auch Verweise innerhalb des Krimis selbst möglich, aber das überlege ich mir noch. Was das Ganze schließlich soll: Hintergrund ist einfach Spass am Schreiben und die Neugier auf ein Ergebnis, das unter diesen speziellen Bedingungen zustande gekommen ist. In diesem Sinne, let´s blog Blut.


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Kapitel Fünf

krimi im blog: zahlen und zeichen 76

Erbacher macht sofort die Tür auf, ist aber etwas erstaunt, als er neben Pia und Alena noch Riesel entdeckt. Pia stellt ihn vor und Erbacher nickt ergeben. Während Alena ihm erklärt, warum sein Bad in das Zentrum der Ermittlungen gerückt ist, öffnet Pia die Tür zum Badezimmer und stellt sich in den Eingang. „Erinnern Sie sich an etwas Ungewöhnliches, als wir das erste Mal hier waren,“ fragt sie Riesel. Sie spürt, dass er über ihre Schulter hinweg in das Zimmer starrt und dabei verzweifelt versucht, ein Bild aus der Erinnerung heraufzubeschwören. Schließlich sagt er: „Es war warm.“ Langsam dreht Pia sich um, dann rollt sie mit den Augen. „Das ist das einzige, was Ihnen einfällt?“ Sie wendet sich wieder dem Bad zu und tritt ein. Neben der Toilette und dem Waschbecken gibt es die Badewanne an der Wand, die auch als Dusche dient. Ein nackter Duschkopf ist in die Wand einzementiert und Pia erinnert sich daran, dass sie in Erwägung gezogen hatte, dass das Mädchen mit dem Duschkopf erschlagen worden sein könnte. Sie sieht sich selbst im Raum stehen, den Duschkopf betrachten und dann wieder hinausgehen. Riesel hat recht, denkt sie jetzt. Es war verdammt warm in dem Raum. „Hatten Sie die Heizung eingestellt, bevor Sie gefahren sind?“ Der Professor beeilt sich, auf ihre gerufene Frage hin näher zu treten. „Nein, aber vielleicht hat Melanie, also Frau Krüger, die Heizung höher gestellt.“ Erbacher sieht verlegen auf seine Füße. „Sie hat immer eine Dusche genommen, bevor sie wieder nach hause gefahren ist. Und weil ihr kalt war, hat sie dann regelmäßig die Heizung hochgedreht.“ Pia dreht sich zu Riesel um: „Was sagt der Gerichtsmediziner, war die Krüger geduscht?“ Riesel durchforstet seine Erinnerung an den Bericht und nickt dann. „Ja, ich bin ziemlich sicher, das in dem Bericht so etwas stand.“ Pia wendet sich wieder der Dusche zu und starrt gedankenverloren darauf. Ganz hinten in ihrem Bewusstsein taucht ein Satz auf, den jemand geäußert hatte, es ging um die Dusche. Riesel will etwas sagen, aber sie hebt die Hand und zischt: „Seien Sie bitte einen Moment ruhig.“ Sie schließt die Augen und versucht den Gedanken zu erhaschen, der sich ihr immer wieder entzieht. Dann denkt sie, dass sie dieses Gefühl schon einmal hatte, das Gefühl, dass etwas an ihr vorbeigeschlüpft ist, eine Bemerkung oder eine Beobachtung. Zu welcher Gelegenheit kann das gewesen sein? Sie sucht nach Anhaltspunkten. Mit wem war sie damals zusammen, mit Alena? Sie dreht sich um, aber ihr Blick bleibt an Riesel haften, der sie erschreckt ansieht. Sie hat mit Riesel geredet und dabei gedacht, dass ihr etwas entgangen ist. Dann fällt es ihr ein. „Das Gespräch mit der Putzfrau!“ Riesel zuckt zusammen und sieht Pia verwirrt an. „Was ist damit,“ fragt er mit schuldbewusstem Gesicht, so als ob er es eigentlich wissen müsste. Pia beachtet ihn nicht. Die Surowa hatte eine Bemerkung über das Bad gemacht, die für einen winzigen Moment ein Gedankenkonstrukt geknüpft hatte, so dünn, dass der Faden sofort wieder gerissen ist. „Was hat die Surowa über das Bad erzählt,“ fragt sie Riesel, jetzt mit leichter Verzweiflung in der Stimme. Das eine Fadenende ist da, unbezweifelbar, aber sobald sie sich ihm nähert und es ergreifen will, scheint jemand daran zu ziehen und es verschwindet erneut in der Dunkelheit. „Ich bin sicher, dass wir das Gesagte nicht protokolliert hatten, weil es nicht bedeutsam war. Es war nur eine von vielen irrelevanten Äußerungen in ihrem nervtötenden Wortschwall.“ Sie kann sehen, wie es in Riesels Kopf arbeitet. Ein Räuspern kommt aus Erbachers Richtung. „Vielleicht hat sie sich wieder darüber beschwert, dass der Boden im Bad immer so nass ist, wenn geduscht wurde.“ Er wirkt leicht ungehalten. „Es ist richtig, dass ich keinen Duschvorhang habe, aber die Pfützen auf dem Boden entstehen hauptsächlich dadurch, dass der Duschkopf defekt ist. Er spritzt nach allen Seiten.“ Stirnrunzeln. „Eigentlich hatte ich schon vor geraumer Zeit einen Techniker bestellt, der den Duschkopf austauschen sollte. Er ist bis heute nicht gekommen. Ich werde mich beschweren.“ Riesel und Pia wechseln einen Blick. „Der Techniker war da,“ sagt Pia langsam. „Er hat den Hausmeister am Montagmorgen gebeten, die Tür zu öffnen, weil Sie nicht zu hause waren. Zusammen haben sie die Leiche entdeckt.“ Plötzlich hat Pia einen klaren Ablauf vor Augen, so deutlich, als ob es ein reales Geschehen wäre, dem sie aktuell zuschaut. „Melanie Krüger geht ins Bad um zu duschen, als sie allein ist. Sie stellt die Heizung an, weil es kalt ist. Sie duscht und produziert dabei Pfützen auf dem Boden.“ Pia spürt alle Blicke auf sich und hört Alena scharf einatmen. Langsam fährt Pia fort. „Melanie steigt aus dem Bad, tritt in eine Pfütze, rutscht weg und kommt mit dem Hinterkopf auf die Ecke der Badewanne.“ Alle blicken unwillkürlich auf die glatte Keramikoberfläche. Riesel schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Der Gerichtsmediziner schrieb im Bericht, dass sie Aspirin und Alkohol intus hatte. Sie war also unsicher auf den Beinen und konnte deshalb den Sturz nicht auffangen.“ Seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. Er schaut Pia an und formuliert dann vorsichtig die unvermeidliche Schlussfolgerung: „Sie ist nicht erschlagen worden, es war ein Unfall.“ Pia amüsiert sich über seine Aufregung, fühlt aber selbst leichte Anspannung. Sie überspielt sie, indem sie nachlässig mit den Schultern zuckt. „Wir werden es nie erfahren. Aber es scheint die einzige Lösung zu sein, die mit allen bekannten Fakten übereinstimmt.“ Ein Gespräch mit Alena kommt ihr in den Sinn und sie sieht Alena an. Deren Gesichtsausdruck verrät nichts, aber Pia fühlt Alenas forschenden Blick auf sich. Sie versucht, sich zu konzentrieren und sagt zu Erbacher: „Die Ecke der Wanne dürfte mittlerweile keine Spuren mehr aufweisen. Das Bad ist vermutlich schon geputzt worden.“ Der Professor nickt verunsichert. Pia hebt eine Hand und lässt sie wieder fallen. Dann doziert sie weiter: „Aufgrund der hochgedrehten Heizung war das Bad sehr warm, darum sind die Wasserpfützen auf dem Boden schnell getrocknet, wie auch der Körper von Frau Krüger. Gleichzeitig war das die Ursache dafür, dass die Körpertemperatur der Leiche anfangs hoch geblieben ist, so das sich im Zuge der Bewegung der Leiche nicht die typischen Merkmale ausgebildet haben.“ Es passt zusammen wie die Teile eines Puzzlespiels. „Das war es, denke ich.“ Pia wendet sich zum Gehen. „Legen Sie den Bericht auf meinen Schreibtisch, wenn Sie ihn fertig geschrieben haben, Riesel.“

Zwei Wochen später sitzen Pia und Alena in einem Kaffee in der Innenstadt. Zu Pias Überraschung hatte Alena das Treffen telefonisch vorgeschlagen, und Pia hatte nach einer Denksekunde zugesagt. Insgeheim freute es sie, dass Alena sich gemeldet hatte. Trotzdem war es seltsam ihr gegenüberzusitzen, ohne durch das besondere Band des Falles gebunden zu sein. Nach der Begrüßung und Pias lakonischen Bericht über die Reaktion ihres Vorgesetzten zur Präsentation des möglichen Tathergangs, rühren beide eine Weile schweigsam in ihren heißen Getränken. Pias Blick schweift durch das vollbesetzte Kaffee, das mit klassischen Polsterstühlen im Streifenmuster und polierten runden Tischen aus dunklem Holz ausgestattet ist. Ein großer Spiegel mit Goldrahmen hängt an der dunkelrot gestrichenen Wand gegenüber, und Pias Blick bleibt an einem Tisch des Raums hinter dem Spiegel hängen, an dem eine schwarzgekleidete Frau mit dunklen Locken und eine blonde Frau mit einem eleganten Kurzhaarschnitt und weißem Kaschmirpulli sitzt. Wie vollkommen gegensätzlich sie doch sind! Alenas Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. „Ich mache mir Vorwürfe, dass ich Sie damals auf die Idee mit der Geheimgesellschaft gebracht habe. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten Sie den Fall bestimmt schon früher gelöst.“ Pia sieht sie an und entdeckt echtes Schuldbewusstsein auf ihrem Gesicht. Sie schüttelt schnell den Kopf. „Ich sehe das nicht so.“ Sie überlegt einen Moment und lächelt. „Wissen Sie, eins habe ich durch diesen Fall gelernt. Vielleicht gibt es so etwas wie Fakten, aber wichtiger als die Fakten ist der Sinn, den man ihnen gibt, der Zusammenhang, den man zwischen ihnen herstellt. Die Fakten, das waren zum Beispiel die Leiche, die geschlossene Wohnung, der verschwundene Wohnungsinhaber. Allein aus diesen drei Elementen kann man diverse Konstellationen basteln, aus denen sich völlig verschiedene Tatverläufe ergeben.“ Pia sieht Alena an. „Die Herausbildung einer Konstellation und die Entscheidung dafür beruht natürlich auf weiteren Fakten, auf weiteren Spuren. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem es nur noch Spekulation gibt. Der Punkt, an dem die Spuren enden, und man auf sich allein gestellt ist. Sicher, es gibt bestimmte Prinzipien, an die man sich halten kann, wenn man an diesem Punkt angelangt ist. Logische Schlussfolgerung zum Beispiel. Die Anwendung von Logik ist aber verbunden mit der Annahme, das der Verbrecher rational gehandelt hat.“ Sie lacht kurz. „Verbrecher sind aber nicht immer rational. Menschen allgemein sind nicht rational. Henseler hat völlig irrational gehandelt.“ Sie schüttelt, immer noch verständnislos, den Kopf. „Es war so unvernünftig, die Leiche ins Wohnzimmer zu transportieren. Um das würdelose Ende im Bad ein wenig zu mildern.“ Pia rollt hilflos mit den Augen. „Henseler ging von Anfang an davon aus, dass es sich um einen natürlichen Tod handeln würde. Aber das hat ihm nicht gereicht, er wollte aus ihrem Tod ein Mysterium machen.“ Alena lächelt. „So irrational ist das vielleicht gar nicht. Wir möchten doch alle den Tod von Menschen, die wir geliebt haben, verstehen. Wir suchen den Sinn, den Grund, der hinter dem Tod steht. Das macht den Tod leichter ertragbar. Was Henseler von Anderen unterscheidet ist allerdings die Tatsache, dass er von Anfang an von der Sinnlosigkeit ihres Todes überzeugt war. Aber auch er konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Die Zahlen waren wie eine Decke, unter der er die Sinnlosigkeit ihres Todes verbergen wollte.“ Pia spielt mit dem Stück Schokoladenkuchen auf ihrem Teller. „Die Zahlen. Der Fehler war, die Zahlen als Zeichen zu interpretieren. Sie als einen Hinweis auf ein Etwas, das hinter ihnen steht, aufzufassen und dadurch die Oberfläche, das Offensichtliche zu vernachlässigen. Das ist wie ein Verrat am gesunden Menschenverstand.“ Alena lacht. „Aber genau das war ja auch ihre Funktion. Die Zahlen sollten von dem Offensichtlichen ablenken, das Sichtbare als Oberfläche des Unsichtbaren andeuten.“ Sie zieht eine Grimasse und Pia grinst. Dann erklärt sie beruhigend: „Sie haben diesem Unsichtbaren nur eine Gestalt gegeben, eine greifbare Form, mit der ich arbeiten konnte. Es war lediglich ein Vorschlag, aber ich habe ihn aufgegriffen. Weitergesponnen. An Henseler weitergereicht. Wir haben alle zusammen eine Wirklichkeit gebastelt, die letztlich keine reale Grundlage hatte.“ Sie gestikuliert mit ihrer Kuchengabel. „Das ist Paranoia. Man sucht sich die Fakten heraus, die zum Konstrukt passen und ignoriert den Rest. Man überhört und übersieht alles andere.“ Alena trinkt einen Schluck Tee. „Sie haben natürlich recht. In diesem Fall war die Lösung profan. Normal. Alltäglich. Und man muss auch dem Normalen eine Chance geben und es nicht sofort beiseite schieben, um nach dem zu suchen, was sich darunter befinden könnte.“ Dann seufzt sie. „Aber Tatsache ist doch, dass es viel spannender ist, nach dem zu suchen, was sich unter der Oberflächen befinden könnte, oder?“ Pia grinst. „Um Himmels Willen, verschonen Sie mich das nächste Mal damit. Möchten Sie eigentlich noch Kuchen? Wenn Sie sowieso zur Servicetheke gehen, können Sie mir ein Stück Obstschnitte mitbringen.“
14.8.06 21:35


krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 75

Pias erster Blick am nächsten Morgen fällt auf Riesel, der mit offenem Mund und tief gesenktem Kopf einen Bericht liest, den Pia als die Aussage Henselers identifiziert. Sie hat trotz zwei starker Tabletten am Morgen Kopfschmerzen, und ihre schlechte Laune wird durch Riesels Anblick nicht unbedingt gebessert. Immerhin hat sie jetzt wieder jemanden, auf den sie die unbequemen Aufgaben abschieben kann. „Wieder gesund,“ stellt sie kühl fest, und Riesel fährt erschreckt hoch. „Frau Stein-Bachmüller! Ja, danke, es geht wieder. Habe ein paar Spritzen bekommen und muss noch eine Woche Tabletten nehmen.“ Pia ist an seiner Krankengeschichte nicht interessiert und unterbricht ihn, während sie ihren Trench aufhängt. „Haben Sie die Aussage gelesen?“ Riesel errötet und nickt. „Ähm, wie ich gehört habe, ist Professor Erbacher auch wieder da?“ Pia sieht nach der Kaffeemaschine, stellt fest, dass noch kein Kaffee gekocht ist und seufzt tief auf. Riesel springt sofort auf, aber sie macht mit einer Handbewegung deutlich, dass sie selbst den Kaffee kochen wird. „Sie müssen sich noch schonen,“ stellt sie fest, und Riesel errötet stärker angesichts des unüberhörbaren Sarkasmus. Pia füllt mehr Kaffeepulver als nötig ein und erzählt dabei: „Wir stehen wieder am Anfang. Wir haben keinen Verdächtigen, wir haben kein Motiv, wir haben noch nicht einmal eine Tatwaffe.“ Sie dreht sich um und fixiert Riesel. Der starrt sie an, als erwarte er, dass sie ihn foppen will und gleich das Kaninchen aus dem Ärmel zieht. „Riesel, wir haben nichts, außer dieser verdammten Leiche. Kapieren Sie das?“ Jetzt fällt die Erstarrung von ihm ab und seine Schultern sacken zusammen. „Wie gehen wir jetzt weiter vor,“ fragt er vorsichtig. Pia zuckt mit den Schultern und nimmt die Wasserkanne, um in Richtung Damentoilette zu verschwinden. Als sie zurückkommt, hängt Riesel wieder über der Aussage. „Es hat Sie bestimmt beunruhigt, dass Ihr Mann in die Angelegenheit hineingezogen wurde,“ sagt er. Pia sieht ihn scharf an. Nach der Aussage Henselers hatte es keinen Sinn mehr gemacht, Christophers Rolle zu verschweigen. Pia hat einen Moment mit dem Gedanken gespielt, Henseler zu bewegen, die Anrufe an ihren Mann aus der Aussage heraus zu lassen, aber sie hatte keine Lust, mit ihm zu handeln und sich unter Umständen von ihm abhängig zu machen. Da Henseler bewusstlos war, bevor Christopher das Apartment betreten hatte, hatte sie das Geschehen etwas abgeändert. Sie gab selbst zu Protokoll, dass Christopher sich entschlossen hatte, nicht zu dem Treffen zu gehen, sie aber anrief, woraufhin sie an seiner Stelle gefahren sei. Später sei Christopher doch noch zum Apartmenthaus gefahren, aus Sorge und weil er dieses Buch von seinem Studenten benötigte. Zu dem Zeitpunkt hätte Pia den leblosen Körper Henselers jedoch schon gefunden und das Präsidium informiert. Die Geschichte war etwas dünn, deckte aber sowohl die Tatsache ab, dass Christopher im Apartmenthaus war, wie auch ihre eigene Aussage, dass sie Henseler allein gefunden hätte. Einen Moment vermutet sie, dass Riesel ihren Bericht anzweifelt, aber dann kommt sie zu dem Schluss, dass er einfach nur höflich sein möchte. Daher zieht sie eine Grimasse und füllt das Wasser in die Kaffeemaschine. „Diese kleine Ratte,“ murmelt sie, was sich nicht nur auf Henselers Anrufe an Christopher bezieht. In Erinnerung daran, wie er sie an der Nase herumgeführt hat, knirscht sie mit den Zähnen. Dann schüttelt sie den Kopf, um ihren Kopf frei zu bekommen. „Wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, den Mörder von Melanie Krüger zu finden.“

Nach ein paar Tassen viel zu starken Kaffees, den Riesel mit heißem Wasser verdünnte, und der Durchsicht der Protokolle, sind sie nicht viel schlauer, als vorher. Dann wird Alena Brandenburg telefonisch vom Empfang angekündigt und Pia lässt sie überrascht hinein bitten. Sie kommt ins Zimmer, bekleidet mit einem ihrer schwarzen Röcke, halb hohen schwarzen Glattlederstiefeln und einem schwarzen Rollkragenpulli, über den sie einen langen schwarzen Wollmantel trägt. „Guten Morgen,“ sagt sie und hält eine Tüte mit Gebäck hoch. Pia grinst erfreut. „Ich habe gerade mit Professor Erbacher gesprochen. Er hat seinen Assistenten im Krankenhaus besucht und von ihm alles erfahren. Der Professor war total geschockt, darum ist er zu mir gekommen und hat mir sein Herz ausgeschüttet.“ Sie zieht sich einen der Besucherstühle an Pias Schreibtisch und reicht Pia die Tüte. „Mögen Sie Rosinenschnecken,“ fragt sie, zu Riesel gewandt. Er nickt heftig, schon wieder leicht errötend. „Sie sind Frau Brandenburg, die Nachbarin von Professor Erbacher,“ stellt er fest, als er eine der Schnecken aus der Tüte fischt, die Pia ihm hinhält. „Sie wurden von Herrn Henseler niedergeschlagen. Geht es Ihnen wieder besser?“ Alena zuckt mit den Schultern. „Es war nicht allzu schlimm, danke.“ Sie wendet sich Pia zu, die hungrig in das Gebäck beißt. „Der Professor möchte die Angelegenheit so schnell wie möglich beenden. Darum bin ich hier. Er sagte, er sei zu jeder Kooperation bereit. Sie können zum Beispiel jederzeit in seine Wohnung. Er hat bereits Professor Oppermann angerufen und auch der hat sich bereit erklärt, eine Aussage zu machen. Aber anscheinend war wohl schon jemand vom örtlichen Polizeipräsidium dort und hat die Aussage aufgenommen.“ Pia sieht Alena nachdenklich an, dann erklärt sie Riesel: „Frau Brandenburg hat wichtige Informationen zu dem Fall geliefert. Sie wurde außerdem gerade von dem Professor auf den neuesten Stand gebracht, was die Aussage Henselers angeht. Ich habe keine Bedenken, den Fall vor ihr zu erörtern. Sie kann uns vielleicht helfen, sie kennt Erbacher und seine Wohnung.“ Riesels Augen senden Fragen aus. Dann meint er zu Alena: „Hatten Sie nicht ausgesagt, dass Sie den Professor nicht so gut kennen?“ Alena lächelt gewinnend. „Das hat sich seit kurzem schlagartig geändert. Wir sind die besten Freunde, seitdem er wieder da ist.“ Dann runzelt sie die Stirn. „Außerdem bin ich aufgrund des Vorfalls mit Herrn Henseler nun ebenfalls von dem Fall betroffen. Aber ich bin nicht meinetwegen hier, sondern als eine Art Unterhändlerin des Professors.“ Pia grinst innerlich. Um Riesel abzulenken erklärt sie schnell: „Wir haben die Aussage von Johannes Oppermann auf dem Wege der Amtshilfe aufnehmen lassen, und sie stimmt mit der Aussage des Professors überein. Es gibt noch keinen neuen Verdächtigen. Ist dem Professor noch irgendetwas eingefallen?“ Alena schüttelt den Kopf. „Frau Krüger hat noch gelebt, als er sie verlassen hat. Da er sich beeilen musste, ist sie im Bett geblieben, bis er fertig war; anschließend wollte sie duschen und ebenfalls die Wohnung verlassen.“ – „Hatte das Mädchen einen Schlüssel,“ fragt Pia. Alena schüttelt erneut den Kopf. „Das habe ich auch gefragt und er hat empört verneint.“ Sie lächelt. „Es gab nur seinen Schlüssel und den hat er mitgenommen. Frau Krüger hätte die Tür einfach nur zuziehen müssen, wenn sie gegangen wäre. Sie benötigte keinen Schlüssel, um hinter sich abzuschließen.“ Pia rührt nachdenklich in ihrem Kaffee. Dann hebt sie den Kopf. „Oh, möchten Sie auch Kaffee?“ Alena verneint schnell, als sie die tiefschwarze Färbung der heißen Flüssigkeit in Pias Tasse bemerkt. Pia zuckt mit den Schultern und beginnt: „Henseler hatte einen Schlüssel, den er sich unerlaubt nachmachen lies. Er hat den Schlüssel seiner Aussage nach benutzt, als er Sonntag nacht in Erbachers Wohnung einbrach. Wir haben den Schlüssel von ihm erhalten, er war an seinem Schlüsselbund, zusammen mit seinem Apartmentschlüssel und anderen Schlüsseln. Die andere Möglichkeit bestünde darin, das die Krüger ihm die Tür geöffnet hat.“ Pia drückt mit ihrem Zeigefinger auf eine Stelle zwischen ihren Augen. „Es geht um den Ort, an dem der Mord stattgefunden hat. Vielleicht hat Henseler uns belogen. Vielleicht hat er beobachtet, wie der Professor nachts weggefahren ist, und vermutet, dass die Krüger allein in der Wohnung war. Daraufhin hat er geklingelt, bis sie ihm aufgemacht hat. Vielleicht dachte sie, dass Erbacher zurückgekommen ist, weil er etwas vergessen hat. In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass der Mord direkt im Wohnzimmer stattgefunden hat. Die Krüger lag dort, als der Hausmeister sie gefunden hat. Henseler sagte dagegen aus, dass er sie im Bad gefunden hatte. Das deutet darauf hin, dass der Mord im Bad geschehen ist.“ Sie sieht Riesel mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich habe mit dem Gerichtsmediziner telefoniert. Natürlich kann man feststellen, ob eine Leiche bewegt worden ist, aber er sagte, in diesem Fall gab es keine deutlichen Anzeichen. Wenn Melanie tatsächlich bereits tot gewesen ist, als Henseler in die Wohnung gekommen ist, und er die Leiche in das Wohnzimmer transportiert hat, würden diese eventuellen Merkmale seine Aussage stützen. Aber der Gerichtsmediziner sagt auch, das Fehlen der Merkmale deutet nicht zwangsläufig darauf hin, dass sie im Wohnzimmer getötet worden ist. Sollte sie kurz nach dem Ableben bewegt worden sein, gibt es noch keine Leichenflecken oder ähnliches.“ Pia hängt einen Moment schweigend ihren Gedanken nach und schüttelt dann ärgerlich den Kopf. „Das ergibt alles keinen Sinn. Warum erklärt Henseler, dass er die Krüger im Bad gefunden hat? Warum diese unnötige und komplizierte Geschichte, dass er sie ins Wohnzimmer gezogen hat? Wenn er sie getötet hat, warum sagt er dann nicht einfach, dass er sie bereits tot im Wohnzimmer gefunden hat?“ Alena meldet sich zu Wort. „Wenn Henselers Aussage stimmt und sie im Bad lag, was für Schlüsse kann man daraus ziehen?“ Pia starrt sie an. „Das ist eine gute Frage,“ sagt sie dann und steht auf. „Fahren wir zu Erbacher und sehen uns sein Bad nochmals an.“
13.8.06 12:09


Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 74

Pia sitzt bewegungslos auf dem grauen Sofa im Wohnzimmer. Sie hat die Aussage Henselers aufgenommen, das Aufnahmegerät zu Frau Pastors ins Präsidium gebracht und sie gebeten, die Abschrift bis morgen früh anzufertigen, damit ein Beamter sie ins Krankenhaus zur Unterschrift durch Herrn Henseler bringen kann. Dann ist sie nach hause gefahren, hat sich einen Kognak eingeschenkt, den sie sonst nie trinkt, und sich auf das Sofa fallen lassen. Dort sitzt sie, als Christopher nach hause kommt. „Was machst du denn schon hier,“ sagt er verwundert und zieht seinen Mantel aus. „Hat dein Chef dir wegen herausragender Leistungen früher frei gegeben?“ Er beugt sich grinsend zu ihr hinunter und küsst sie auf die Wange. Seine gute Laune ist nicht ansteckend und seine Worte prallen an Pia ab, wie Gummibälle an einer Häuserwand. Sie bleibt stumm und starrt auf das Glas in ihrer Hand, in dem der noch unberührte Kognak schwimmt. Christopher wird ernst und setzt sich neben sie. „Ist etwas vorgefallen?“ – „Erbacher hat die Krüger nicht umgebracht. Henseler will sie ebenfalls nicht umgebracht haben, und ich glaube ihm. Wer oder was um alles in der Welt hat sie getötet? Verdammt, sie ist tot, das ist ein Fakt. Sind Außerirdische gelandet und haben sie erschlagen?“ Pias Stimme ist tonlos. „Die Wohnung war verschlossen, niemand ist eingebrochen. Es gibt kein Tatwaffe. Es gibt kein Motiv.“ Jetzt kippt sie den Kognak auf ex und verzieht das Gesicht. Christopher nimmt ihr das Glas aus der Hand. „Was ist mit der Geheimgesellschaft an der Uni,“ fragt er vorsichtig. Pia antwortet nicht. Dann schüttelt sie langsam den Kopf. Plötzlich lacht sie. Sie lacht, bis ihr die Tränen kommen, hilflos wischt sie die Tropfen von ihrer Wange und lacht weiter. Christopher beobachtet sie wachsam, wartet aber, bis sie von sich aus jappst: „Er hat mich reingelegt. Diese kleine Ratte hat eine verdammte Show für mich inszeniert.“ Sie wird wieder ernst und sagt zu Christopher: „Kann ich noch einen Kognak haben?“ Er sieht sie einen Moment an, nickt dann aber und füllt ihr Glas erneut, nicht ohne sich selbst ebenfalls einen großen Schluck einzuschenken. Pia nippt an dem Kognak und beginnt: „Michael Henseler war eifersüchtig und wütend. Eifersüchtig auf seinen Professor, der mit dem Mädchen schläft, das Henseler selbst wollte, und wütend auf Melanie Krüger, die aus reinem Egoismus und Eigennutz mit seinem Professor schläft. Er klaute Erbachers Schlüssel aus seiner Jackentasche, was nicht allzu schwierig gewesen sein sollte, weil Erbacher sowieso nie wusste, wo seine Schlüssel waren, und ließ einen Nachschlüssel anfertigen. Aus welchem Grund auch immer. Er sagt, er wusste es selbst nicht, er wollte sie beide auf frischer Tat ertappen, ihnen einen Schrecken einjagen, vielleicht wollte er sich auch nur vergewissern, ob sie tatsächlich ein Verhältnis hatten, vielleicht wollte er sie erpressen.“ Pia hebt hilflos eine Hand und lässt sie wieder fallen. „Er hat mitbekommen, dass sich Melanie und Erbacher Sonntag Abend verabredet haben und beschloss, nachts in die Wohnung einzudringen. Als er in die Wohnung kam, brannte Licht, Erbacher war nicht da und die Krüger lag im Bad auf dem Boden. Henseler fühlte ihren Puls, merkte, dass sie tot ist und geriet in Panik. Er sagte, er hätte sie ins Wohnzimmer gezogen, ohne dass er sich bewusst gewesen sei, was er tue. Er hat es sich später selbst dadurch erklärt, dass er sie nicht so nackt im Bad liegen lassen wollte, sondern sie auf das Sofa im Wohnzimmer legen, zudecken, und dann die Polizei rufen wollte. Als er mit der Leiche im Wohnzimmer angekommen ist, sei ihm plötzlich klar geworden, dass er einen Tatort verändert hat. Sich verdächtig gemacht hat. Er wollte sie ins Bad zurückziehen, aber gleichzeitig nicht noch mehr Spuren hinterlassen.“ Pia sucht Christophers Augen. „Dann hat er begonnen, über alles nachzudenken. Er hätte nicht eine Sekunde geglaubt, dass Erbacher die Krüger ermordet haben könnte, meint er. Für ihn habe es eher wie ein plötzlicher natürlicher Tod ausgesehen. Es hätte kein Blut im Bad gegeben, und auch keine Waffe. Melanie hätte einfach nur so vor der Badewanne gelegen.“ Sie seufzt. „Und er sagt, plötzlich sei ihm alles so sinnlos vorgekommen. So zu sterben. In der Wohnung ihres Professors, den sie verführt hatte, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber nicht nur die Profanität ihres Todes machte ihm zu schaffen, sondern auch recht pragmatische Gründe. Wenn man die tote nackte Melanie in Erbachers Wohnung finden würde, wäre der Ruf von Erbacher für immer beschädigt, der berühmte Professor, der ihm die Tür zu einer mathematischen Karriere öffnen sollte. Also ist ihm die Idee mit den Zahlen gekommen. Sie sollten Melanies Alltagstod in einen mysteriösen Mord verwandeln, sie für immer unterblich machen, und gleichzeitig von Erbacher ablenken. Henseler erklärte, er sei sich sicher gewesen, dass man einen augenscheinlich so seltsamen und pathologischen Mord nicht mit dem langweiligen und blassen Professor Erbacher in Verbindung bringen würde.“ Pia grinst wider Willen und hebt ihr Glas. „Cheers,“ sagt sie und klackt gegen Christophers Glas. „Er hatte Erfolg mit seiner Idee. Diese verdammten Zahlen haben unsere Phantasie angeregt. Sie haben uns auf die seltsamsten Ideen gebracht. Henseler hatte keinen konkreten Plan, dafür ging alles viel zu schnell. Und vor allem rechnete er nicht damit, dass der Professor am nächsten Tag nicht mehr auftauchen würde. Aber er konnte improvisieren. Als ich mit der Idee von der Geheimgesellschaft zu ihm gekommen bin, hat er den Gedanken aufgegriffen und weitergesponnen. Plötzlich hätte alles gut zusammengepasst, sogar die Zahlen hätten plötzlich einen Sinn ergeben. Er meinte, er sei selbst überrascht gewesen, als sich die Quersumme der eher intuitiv gewählten Zahlen als Fünf herausstellte, der Zahl des Pentagramms, das er selbst kurz vorher ins Spiel gebracht hatte.“ Pia stellt das Glas ab und reibt sich die Augen. „Ich habe ihn auf die Idee mit der Geheimgesellschaft gebracht. Ich habe ihm den Ball zugespielt und er hat einfach nur zurückgespielt. Ich war in einer bestimmten Erwartungshaltung und er hat meine Erwartungen erfüllt. Und er ist mir entgegengekommen. Mit einem selbstgeschriebenen Brief mit einem Pentagramm auf dem Briefkopf, den er in der Nacht in Erbachers Wohnung deponiert hat, in der Alena ihn dort bemerkte. Alena Brandenburg, die Nachbarin Erbachers,“ erklärt sie, auf Christophers fragenden Blick. „Henseler musste sie niederschlagen, um nicht entdeckt zu werden. Er sagte, er hätte fürchterliche Angst gehabt, dass er sie ernsthaft verletzt hätte.“ Pia schüttelt den Kopf. „Wir haben den Brief später gefunden und in der Bundeskripo übermittelt, mit dem Auftrag, ihn zu entziffern. Henseler meinte, er hätte einen sehr komplizierten Algorithmus gewählt, um einen völlig unwichtigen Text zu verschlüsseln. Seine Arbeit hat er auf Disketten gespeichert, die er in einem Schließfach im Bahnhof versteckte, damit die Verschlüsselungsaktion nicht auf seinem Computer gefunden werden konnte. Das Buch, aus dem er sich die Hinweise über Pythagoras angelesen hat, war ebenfalls in diesem Schließfach. Ich brauche noch einen Kognak, und jetzt brauchst du auch noch einen.“ Christopher versteht und füllt die Gläser nach. Er sagt langsam: „Henseler hat mich angerufen, als er bemerkte, dass ich mich umgehört habe. Er hat mich zu dem Treffen gelockt. Aber wie zum Teufel hat er sich selbst niedergeschlagen? Er war bewusstlos, dafür lege ich beide Hände ins Feuer.“ Er runzelt die Stirn. Pia grinst. „Er hat ein starkes Schlafmittel genommen, das Glas ausgespült, das die Spurensicherung in der Spüle gefunden hat, die Zahlen auf seinen Oberkörper geschrieben und sich eine Flasche über den Schädel gezogen. Er wickelte sein offenes Hemd um den Flaschenhals, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Dann hat er sich auf den Boden gelegt und gewartet, bis das Schlafmittel wirkte und du ihn finden würdest.“ Sie prostet ihm zu. „Auf eine gewisse Art war das genial. Es sollte gleichzeitig den Verdacht von ihm selbst und von Erbacher ablenken, der ja immer noch verschwunden war. Außerdem war es ein schöner dramatischer Schlusspunkt.“ Sie neigt ihren Kopf in Anerkennung und nimmt einen großen Schluck vom Kognak. Christopher beobachtet sie besorgt. „Du solltest nicht so viel trinken, du bist keinen Alkohol gewohnt.“ Pia lacht albern. „Ich habe mich total lächerlich gemacht. Und ich kann diesen Gedanken nur ertragen, wenn ich mich total vollaufen lasse.“ Zwei Gläser später bringt Christopher die betrunkene Pia ins Bett. Als er ihre Strümpfe auszieht, öffnet sie kurz die Augen und lallt: „Melanie Krüger ist keines natürlichen Todes gestorben, sondern an einem Schlag auf den Hinterkopf. Wer zum Teufel hat Melanie Krüger ermordet?“ Christopher will etwas sagen, als er bemerkt, dass sie bereits eingeschlafen ist.
10.8.06 21:18


krimi m blog: Zahlen und Zeichen 73

Nachdem sie Erbacher nach hause geschickt hat, schaut Obersdorf im Büro vorbei. „War der Professor kooperativ?“ Tatsächlich möchte er wissen, ob Pia ihm gegenüber angemessen höflich war. Sie nickt mit Überzeugung und Obersdorf ist fast beruhigt. „Zumindest ist Professor Erbacher wieder da. Was wir jetzt noch erledigen müssen, damit die leidige Angelegenheit ein Ende hat, ist den Mörder des jungen Mädchens zu finden.“ Mit „wir“ meint er Pia. Die lehnt sich zurück und fragt beiläufig: „Hatten Sie gestern einen Tag frei?“ Obersdorf macht eine bejahende Kopfbewegung, die vage genug bleibt, um Pia Anlass zur Nachfrage zu geben. „Ziemlich plötzlich, oder? Ich hatte keine Ahnung, dass Sie nicht da sein würden.“ Obersdorf reagiert ungehalten. „Ich halte es nicht für erforderlich, Sie über meine Urlaubsplanung auf dem Laufenden zu halten.“ Pia zuckt mit gespielter Gleichgültigkeit mit den Schultern. „Riesel hat sich für zwei Tage krank gemeldet,“ erwähnt sie nun. Obersdorf weicht ihrem Blick aus. „Ja, das ist mir bekannt. Seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist bereits eingegangen.“ Pia fühlt leichte Anspannung in sich aufsteigen. Ist da etwas im Gange? Bemüht er sich tatsächlich, sie nicht anzusehen, oder bildet sie sich das ein? Jetzt murmelt Obersdorf in Richtung Mantelständer: „Wenn Sie Verstärkung brauchen, versuche ich, jemanden aus einer anderen Abteilung abzuziehen. Der Fall ist wichtig, ich möchte nicht, dass es zu Verzögerungen kommt.“ Pia beobachtet ihn aufmerksam. „Ich melde mich bei Ihnen. Momentan ist es zu schaffen. Aber ich bräuchte jemanden für die Schreibarbeit.“ Erleichtert wendet sich Obersdorf ihr zu. „Ich werde Frau Pastors bescheid sagen. Sie kümmert sich darum.“

Auf der Fahrt zu Henseler ins Krankenhaus bastelt Pia im Kopf an Konstellationen. Hat Riesel wieder um seine Versetzung gebeten? Ist der Krankenschein nur ein Vorwand, eine Gefälligkeit des Arztes, um ihm Spielraum zu verschaffen? Weiß Obersdorf davon und arbeitet er mit Riesel zusammen, gegen sie? Als sie abrupt an der roten Ampel halten muss, ruft sie sich zur Besinnung. Sei nicht paranoid. Riesel ist krank und Obersdorf hatte lediglich Angst, dass du einen Ersatz forderst. Du weißt selbst, dass es ziemlich schwierig ist, jemanden zu finden, der mit dir zusammenarbeiten möchte. Sie zieht eine Grimasse. Riesel kam letztes Jahr frisch von der Akademie, er hatte erstens keine Ahnung, mit wem er sich einlassen würde, und zweitens keine Wahl. Pia wusste von Obersdorf, dass Riesel nach einem Monat Zusammenarbeit mit ihr bereits den ersten Versetzungsantrag gestellt hatte. Obersdorf hatte ihm damals erklärt, dass er als guter Kripo-Beamter mit jedem auszukommen hatte, auch mit Pia Stein-Bachmüller. Und Pia hatte er in einem vertraulichen Gespräch danach deutlich gemacht, dass sie zumindest ihren guten Willen zeigen sollte, da es ansonsten schwierig würde, einen neuen Partner für sie zu finden. Und ohne Partner keine Ermittlungstätigkeit. Pia hatte wortlos genickt und Riesel danach eine Zeitlang mit kühler Höflichkeit behandelt, bis ihr alter abfälliger Ton wieder zum Vorschein trat. Aber zu dem Zeitpunkt hatte sich Riesel anscheinend bereits damit abgefunden, dass sein weiteres berufliches Fortkommen von der erfolgreichen Kooperation mit der problematischsten Kommissarin der Behörde abhing, und er versuchte augenscheinlich, das Beste daraus zu machen. Pia fragte sich manchmal, ob Riesel bewusst war, dass er niemals von ihrer Seite weichen würde, wenn sich herausstellte, dass er einigermaßen mit ihr klar kam. Der Gedanke daran zauberte regelmäßig ein boshaftes Grinsen auf ihr Gesicht. Es wäre unerträglich für sie, wenn Riesel im Vorbeigang Karriere machen würde. Und sie würde alles tun, um vor ihm endlich befördert zu werden.

Die Schwester im Krankenhaus erkennt sie wieder und führt sie mit einem unfreundlichem Gesicht zu Henseler. „Es geht ihm schon wieder besser, aber er darf nicht überanstrengt werden,“ bemerkt sie spitz, bevor sie das Zimmer verlässt. Henseler sieht blass aus, aber er bringt ein Lächeln hervor, als er Pia erkennt. Sie setzt sich auf den gepolsterten Besuchersessel und zieht ein digitales Aufnahmegerät aus ihrer Tasche. „Ich werde Sie jetzt zu dem Überfall befragen und Ihre Antworten auf Band aufnehmen.“ Sie versucht, ihre Stimme neutral zu halten. Henseler nickt vorsichtig. Nach der Einleitung beginnt Pia: „Erzählen Sie mir, was passiert ist.“ Henseler schließt kurz die Augen. „Ich kann mich nicht an sehr viel erinnern.“ Seine Stimme ist schwach und Pia betrachtet ihn misstrauisch. „Ich weiß nur noch, dass ich ein Geräusch gehört habe und als ich mich umdrehen wollte, habe ich einen Schlag auf den Kopf bekommen. Als ich wieder wach wurde, lag ich im Krankenhaus.“ Pia sieht ihn mit ihrem Pokergesicht an. Sie spürt, dass er unruhig ist, dass er versucht, irgendetwas über ihre Einstellung ihm gegenüber aus ihrer Haltung zu lesen, aus ihren Gesichtszügen. Such weiter, denkt sie. „Wie ist der Eindringling in Ihr Apartment gekommen? Stand die Tür offen?“ Pia runzelt die Stirn und Henseler beeilt sich mit einer Erklärung: „Manchmal vergesse ich, die Tür hinter mir richtig ins Schloss zu ziehen. Ich habe morgens den Müll herunter gebracht, vielleicht habe ich sie da nur kurz zugezogen. Jeder kann die Tür dann von außen kurz aufstoßen und wahrscheinlich war das Geräusch, das ich gehört habe, genau dieses Aufstoßen.“ Pia zieht die Augenbrauen hoch und Henseler sieht unglücklich aus. „Es sah nicht so aus, als ob etwas gestohlen wurde. Warum glauben Sie, hat man Sie niedergeschlagen? Haben Sie einen Verdacht?“ Henseler öffnet den Mund, um etwas zu sagen, und schließt ihn dann wieder. Pia hat den Eindruck, als ob er auf etwas wartet. Darauf, dass sie eigene Schlüsse zieht? Den Gefallen tue ich dir nicht, Kleiner. Stattdessen rückt sie mit dem Stuhl näher an sein Bett. „Sie haben mich angelogen, als es um Ihre Beziehung zu Frau Krüger ging.“ Pias Stimme ist eiskalt. „Sie haben versucht, sich mit ihr zu treffen. Sie haben ihr E-Mails geschrieben. Sie hat sie abblitzen lassen.“ Henselers Gesicht verfärbt sich. „Wie kommen Sie darauf?“ Pia schnippst mit den Fingern. „Wir haben gelöschte E-Mails von Frau Krügers Computer rekonstruiert.“ Pia kann sehen, wie es in Henseler arbeitet. „Vielleicht wäre es besser, wenn Sie mir die volle Wahrheit sagen würden, Herr Henseler. Bevor Sie sich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.“ Insgeheim verflucht sie die Abteilung, die die Disketten aus dem Schließfach noch nicht geknackt hat. Die einzige Information, die sie bisher erhalten hat, war, dass die Disketten verschlüsselt sind und dass man daran arbeitet. Verlierer, schimpft Pia in Gedanken. Nach außen bleibt sie ruhig. Henseler wird sekündlich nervöser. Du fragst Dich, wie viel ich bereits weiß, nicht wahr? Genüsslich lässt Pia die Sekunden verstreichen. Henseler schluckt schließlich. „Es ist wahr, sie hat mich abblitzen lassen. Es war mir unangenehm. Darum habe ich nichts davon erzählt. Ich,“ er stockt kurz und spielt nervös mit den Händen. „Ich mochte sie. Aber ich war nicht ihre Liga. Ich bin ein Streber in ihren Augen. Der Lieblingsstudent des Professors. Als sie nicht weitergekommen ist, hat sie mich per E-Mail um Hilfe bei den Klausuren gebeten. Ich habe ihr ein paar mal geantwortet und dann habe ich ihr angeboten, ihr persönlich bei den Klausurvorbereitungen zu helfen, ihr Nachhilfe zu geben. Erst war sie einverstanden, aber es ist nie zu einem Treffen gekommen. Auf einmal meinte sie, sie hätte schon jemand Anderen, der ihr hilft.“ Henseler bricht an und sein Gesicht verfärbt sich. Pia nickt langsam. „Erbacher hat ihr geholfen, der Professor höchstpersönlich. Darum brauchte sie die Hilfe seines Assistenten nicht mehr.“ Pia beobachtet, wie die Worte langsam in sein Bewusstsein sinken und dort wie spitze Steine liegen bleiben. „Sie wussten es, nicht wahr? Sie wussten von dem Verhältnis zwischen Ihrem Professor und Ihrer Flamme.“ Auf einmal ist sie sich ganz sicher. „Warum haben Sie es mir gegenüber nicht erwähnt?“ Ihre Stimme ist schneidend. Henseler sieht sie ängstlich an. „Sie haben mich nicht danach gefragt. Ja, ich wusste es. Ich habe einmal ein Telefonat mitgehört, und dann habe ich beobachtet, wie sie reagieren, wenn sie sich zufällig auf dem Flur in der Uni trafen. Erbacher konnte sich nicht verstellen, er ist regelmäßig knallrot geworden und schnell an ihr vorbeigelaufen. Und sie,“ Henseler vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. „Sie ist jedes Mal ganz kühl geblieben. Völlig gelassen. Sie hat nur leicht gelächelt.“ Seine Stimme klingt erstickt. „Haben Sie Melanie Krüger umgebracht?“ Pia stellt die Frage sachlich, es ist der naheliegende Schluss, und Henseler muss die zwingende Logik spüren, denn seine Reaktion ist fast gleichmütig. Er hebt langsam den Kopf aus seinen Händen und sieht Pia an. Als er schließlich spricht, ist seine Stimme ohne jede Hoffnung. „Sie war bereits tot, als ich in die Wohnung eingedrungen bin.“
9.8.06 20:25


Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 72

Erbacher überlegt kurz. „Neben dem Schlüssel, den ich selbst habe, existiert noch ein Schlüssel, der beim Hausmeister geblieben ist.“ Er runzelt die Stirn, dann hellt sich seine Miene auf. „Ach ja, einen Schlüssel besitzt meine Reinemachefrau.“ Vorsichtig fragt er Pia: „Sie mutmaßen aber nicht, dass diese treue Seele in meine Wohnung eingedrungen ist, um irgendetwas anderes zu tun, als zu putzen?“ Erbacher schüttelt den Kopf. „Sie mag zwar etwas exzentrisch sein und vielleicht redet sie auch etwas viel, aber sie ist sicher nicht im Stande, etwas Ungesetzliches zu tun.“ Pia erinnert sich an Frau Surowa und verzieht leicht das Gesicht. „Sie steht nicht unter Verdacht. Aber Sie haben Recht, sie redet sehr viel.“ Erbacher vermutet einen Scherz und wird etwas lockerer. Pia ergreift die Gelegenheit und stößt wieder zu: „In Ihre Wohnung wurde nicht eingebrochen, Herr Professor. Der Hausmeister und seine Frau schwören bei allen Heiligen, dass der Ersatzschlüssel sich in der Tatnacht in ihrem Schlüsselkasten befunden hat. Und da die beiden ebenfalls nicht verdächtigt werden, bleibt Ihren Ausführungen zufolge nur ein Schlüssel übrig, mit dem die Tür geöffnet worden ist – Ihr Schlüssel.“ Erbacher zuckt zurück. „Aber ich habe den Schlüssel immer bei mir gehabt.“ Er stockt, weil er merkt, dass ihn diese Aussage nicht entlastet. Hektisch krallt er sich mit den Fingern am Schreibtisch fest. „Frau Kommissarin, ich flehe Sie an, glauben Sie mir doch. Ich wäre niemals in der Lage, dem Mädchen etwas anzutun. Niemals.“ Seine Stimme zittert. Pia betrachtet Erbacher, wie ein Biologe eine zu identifizierende Pflanze betrachtet. „Was war die Grundlage für Ihr Verhältnis zu Frau Krüger?“ Erbacher starrt sie stumm an, sein Gesicht färbt sich erneut rötlich. „Wer hat den Anfang gemacht? Wann?“ Jetzt reagiert er. „Ich hätte niemals einer Studentin ein unsittliches Angebot gemacht. Und in der Vergangenheit bin ich auch nie eine solche Beziehung zu einer Studentin eingegangen. Mein Ruf ist tadellos,“ beeilt er sich zu sagen. Seine Gesichtsfarbe wird noch dunkler. „Frau Krüger hat mich vor ca. einem halben Jahr angerufen und mich um meine Hilfe gebeten. Es stand sehr schlecht um den Fortgang ihres Studiums. Sie ist zu mir gekommen und ich habe ihr,“ er schluckt. „Nachhilfe gegeben.“ Ohne jede Hoffnung sieht er Pia an. „Sie glauben jetzt wahrscheinlich, dass ich die Situation ausgenutzt habe und ich kann nur versichern, dass es nicht meine Absicht war. Tatsächlich ist die Initiative von Frau Krüger ausgegangen.“ Er schluckt noch einmal. „Frau Krüger ist,“ er kommt leicht ins Stottern, „ war, eine sehr attraktive junge Frau. Als sie sich mir in eindeutiger Absicht genähert hat, war mir sehr wohl bewusst, dass sie sich nicht von Gefühlen mir gegenüber leiten ließ.“ Erbacher richtet sich auf und Pia entdeckt einen Hauch von Würde in seiner Stimme. „Glauben Sie mir, ich wusste, dass Frau Krüger sich Vorteile davon versprach, dass sie sich mit mir auf privatem Wege traf. Ich habe mir nicht eingebildet, dass sie andere Motive hat, als ihre Zwischenprüfung zu schaffen. Aber ich bin niemals so weit gegangen, dass ich ihr Prüfungsunterlagen besorgt hätte. Ich habe wirklich versucht, ihr einen Zugang zur Mathematik zu zeigen, ihren Blick für die Schönheit und die Eleganz mathematischer Gleichungen zu öffnen.“ Pia zieht die Augenbrauen nach oben. „Ich fürchte, ihr wären die Prüfungsergebnisse lieber gewesen. Sie hat Sie demnach darum gebeten? Hat sie versucht, Sie zu erpressen?“ Erbacher erkennt erneut, dass er seine Situation nicht gerade verbessert hat. „Nein, das hat sie nicht und ich hätte es ihr auch nicht zugetraut. Sehen Sie, was sie getan hat, war ein Akt der Verzweiflung, aber sie wäre niemals so weit gegangen, meinen Ruf zu schädigen.“ Pia bezweifelt diese Einschätzung, sagt aber nichts. Sie ist weiterhin sicher, dass Erbacher nicht der Mörder ist. Aber Tatsache ist, dass die Krüger tot ist. Pia seufzt und holt sich eine weitere Tasse Kaffee. Erbacher lehnt erschrocken ab, als sie nachgießen möchte, der mittlerweile lauwarme Kaffee in seiner Tasse ist noch fast unberührt. Pia entschließt sich, ihn mit einer weiteren Frage aus der Reserve zu locken. Auch, wenn er nicht der Mörder ist, könnte er den Schlüssel zu dem Fall in seiner Hand halten. „Wissen Sie, ob Ihr Assistent, Herr Henseler, sich ebenfalls mit Frau Krüger getroffen hat?“ Erbacher macht große Augen. „Herr Henseler? Nein, dass denke ich nicht. Ich glaube nicht, dass sich die beiden kannten.“ Pia grinst. „Herr Professor, die beiden besuchen die gleichen Kurse. Sie kannten sich. Sie standen per E-Mail in Kontakt.“ Erbacher sieht verletzt aus. „Ich hatte keine Ahnung,“ erklärt er würdevoll. „Herr Henseler wurde übrigens in seiner Wohnung ebenfalls überfallen. Er liegt derzeit im Krankenhaus.“ Erbacher greift sich ans Herz und sein Gesicht verzieht sich vor Entsetzen zu einer Grimasse. „Um Himmels Willen. Wie geht es ihm? Was ist passiert?“ Pia nimmt interessiert die echte Sorge zur Kenntnis, die Erbacher um seinen Assistenten empfindet. Wie Vater und Sohn, denkt sie. „Er wurde niedergeschlagen, wie Frau Krüger. Aber er ist nicht lebensgefährlich verletzt. Allerdings waren auf seinem Oberkörper die gleichen Zahlen angebracht, wie bei Frau Krüger.“ Pia zieht zwei Fotos aus der Schublade, die sie vor Erbacher hinlegt. Ohne sie anzurühren, schaut Erbacher auf die kleinen Vierecke auf dem Tisch, mit einer Mischung aus Angst und Abscheu. „Wer tut so etwas? Wer spielt so dekadent mit dem reinsten und wahrsten, das auf dieser Welt existiert?“ Pia ist leicht verwirrt. „Sie meinen…?“ Erbacher sieht empört auf. „Wer missbraucht Zahlen, um damit Gewalttaten zu illustrieren?“ Er gestikuliert ungeschickt und hätte beinahe die Tasse vom Tisch gefegt. Pia seufzt erneut. Mathematiker, noch schlimmer als Philosophen, denkt sie. „Beruhigen Sie sich. Wecken diese Bilder irgendeine Assoziation?“ Erbacher schüttelt stirnrunzelnd den Kopf, er wirkt immer noch ärgerlich. „Nein. Aber das ist absolut lächerlich. Diese Zahlenreihe dokumentiert deutlich die Oberflächlichkeit, mit der sich da jemand in Numerologie versucht hat. Kein Mathematiker würde eine solch grobe Symbolik verwenden.“ Pia versucht, ein Grinsen zu unterdrücken. „Welche Zahlen hätte ein Mathematiker für diesen Zweck angebracht?“ Erbacher wird vorsichtig. „Mathematiker würden eine schwierige Situation erstens nicht durch Mord lösen, sondern mit Hilfe der vollkommen gewaltfreien und sehr viel wirkungsvolleren Logik. Zweitens ist es natürlich möglich, durch Zahlen eine Art Botschaft zu übermitteln, ohne sofort einen Code zu verwenden. Sie wissen sicherlich, dass Zahlen im Laufe der Zeit immer wieder mit nicht-mathematischer Bedeutung aufgeladen wurden.“ Erbachers Stimme macht deutlich, dass er wenig Verständnis für dieses Vorgehen hat. „Kein Mathematiker beschäftigt sich ernsthaft damit, aber irgendwann kommt jeder von uns, allerdings meist unfreiwillig, in Berührung mit gewissen Pseudowissenschaften, wie der Numerologie.“ Er schaudert sichtlich. Mit säuerlichem Gesicht fährt er fort: „Unter den unterschiedlichen Richtungen gibt es natürlich qualitative Abstufungen, wie die pythagoräische und die babylonische Zahlenmystik, oder auch die moderne Numerologie Herbert Reichsteins.“ Pia beugt sich interessiert vor. „Wenn Sie als Mathematiker mit dieser Zahlenfolge konfrontiert würden, welche Bedeutung würden Sie herauslesen?“ Erbacher überlegt verwirrt. „Ich weiß es nicht. Ich habe die Ansätze nicht im Kopf. Ich müsste erst nachschauen.“ Pia lächelt. „Dann tun Sie das doch bitte. Ziehen Sie die Quellen heran, die ein Mathematiker heranziehen würde. Wenn wir davon ausgehen, dass die Zahlen eine Botschaft für Sie darstellen, dann sollten Sie auch in der Lage sein, die Botschaft zu verstehen.“
7.8.06 21:04


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