Zahlen und Zeichen
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Kapitel Eins
Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 15
Er ist in einer anderen Welt, einer Welt aus Zahlen, Gleichungen und Kurven. Es ist seine Welt, hier kennt er jeden möglichen Weg, jede Abzweigung ist ihm vertraut. Eine Welt ohne Zeit, die Zahlen und ihre Gesetze sind ewig, und ihre Kenntnis ist mehr als nur ein Blick auf diese Ewigkeit, es ist wie ein Teilhaben an der Unendlichkeit, deren Schleife er zur Entspannung immer wieder auf den Schmierzettel vor ihm gemalt hat. Dann tritt er wieder in den Dialog mit den Zahlen, gibt weitere Parameter vor und registriert die Auswirkungen auf die Zahlenkolonne auf dem Bildschirm. Es ist wie er erwartet hat und das ist ein gutes Gefühl. Er lehnt sich jetzt zurück und gleitet mit dieser Bewegung zurück in die Wirklichkeit, die er mit den Anderen teilen muss. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass das Radio die ganze Zeit über lief, er sieht auf die Ziffern des Radioweckers, es ist fast 20 Uhr. Das Frühstück war seine letzte Mahlzeit und er spürt wie Hunger ihn überfällt. Ohne dass er in den Kühlschrank sehen muss weiß er, dass er leer ist, also bleibt ihm nichts anderes übrig als sein Refugium zu verlassen und sich zum Edeka an der Ecke zu begeben. Als er seinen Wollmantel anzieht, wird die Musik im Radio ausgefadet und die Nachrichten beginnen. Das Wort „Universität“ bleibt in seinem Bewusstsein hängen, gefolgt von dem Wort „Leiche“, was eine seltsame Kombination ist, denkt er. Dann begreift er und hört aufmerksam zu. „Die genauen Todesumstände sind noch nicht geklärt aber die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.“ Die Hand, mit der er den Reißverschluss hochziehen will, stoppt mitten in der Bewegung. Das Wort „Gewaltverbrechen“ ist im Äther hängen geblieben und vibriert unter den Schwingungen. Sein Herz beginnt wie rasend zu klopfen. Er spürt, wie Schweiß unter seinen Achseln ausbricht, dann merkt er, dass er den Atem angehalten hat und lässt die Luft aus seinen Lungen. Ihm wird schwindelig und er muss sich an die Wand lehnen. Langsam zieht er den Mantel wieder aus und lässt ihn zu Boden gleiten. Zurück im Zimmer setzt er sich auf sein Bett und atmet ein paar Mal tief ein und aus. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist nicht richtig. Hat er etwas übersehen? Er muss sich konzentrieren, er muss die Situation rekonstruieren, aber die Gedanken verschwimmen, alles was er sieht sind ihre blonden Haare auf dem Fußboden, ihr weißer Körper auf den Fliesen und dann die Ziffern, rote Zahlen auf ihrem Rücken. Ihm wird übel und er stürzt zum Bad. Als er über der Toilette würgt, sieht er die rote Zahlen auf der toten Haut.
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 14
Als sie wieder im Wagen sitzen, meint Riesel: „Wenn es nur zwei Schlüssel gibt, außer dem des Hausmeisters, und der eine Schlüssel bei der Putzfrau lag, die im übrigen nicht so aussieht, als ob sie die Freundinnen ihrer Arbeitgeber ermordet, bleibt eigentlich nur Erbacher, oder?“ Pia blickt durch die Windschutzscheibe in den grauen Dienstagmorgen. Der Hausmeister hat zu jeder Wohnung Schlüssel, die ein einem Kasten in seiner Wohnung verschlossen sind und er konnte glaubhaft versichern, dass alle Schlüssel zum fraglichen Zeitpunkt in diesem Kasten waren. Weder Pia noch Riesel neigten außerdem dazu, ihm diesen Mord anzuhängen, zumal sein Alibi bis 1 Uhr nachts erst aus ein paar seiner Skatfreunde und danach aus seiner äußerst genervte Frau bestand, die aufgrund seines exzessiven Schnarchens kein Auge zugetan hatte. Riesel fährt fort: „Als ich den Hausmeister befragt hatte, meinte er, dass die Tür verschlossen war. Auch der Klempner gab an, erst den Türknopf versucht zu haben, um zu sehen, ob die Tür eventuell offen sei, bevor er sich an den Hausmeister gewandt hat. Der Mörder muss irgendwie in die Wohnung gekommen sein. Das Schloss ist unversehrt, keine Einbruchspuren. Auch die Fenster zeigen keine Spuren gewaltsamen Öffnens.“ - „Warum hat der Hausmeister damals nicht die Tür aufgeschlossen, als Erbacher sich ausgeschlossen hat,“ fragt Pia. „Warum extra die Putzfrau anrufen?“ Riesel zuckt mit den Schultern. „Vielleicht war der Hausmeister nicht da oder Erbacher war es zu unangenehm, ihn zu fragen. Egal, wenn Erbacher gefunden ist, ist der Fall so gut wie gelöst. Wahrscheinlich ist er jetzt schon mit seinen Nerven am Ende und wenn wir ihn haben, kann er vermutlich gar nicht schnell genug sein Motiv und den Tathergang loswerden.“ Er zögert einen Moment. „Auch für die Zahlen wird er uns eine Erklärung liefern, so krank sie auch sein mag.“ Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen durch die ruhige Strasse, an der Seite baumeln Einkaufstüten. Ein Radfahrer fährt am Einsatzwagen vorbei. Zwei kleine Mädchen mit Schultaschen laufen kichernd den Bürgersteig entlang. Pia registriert die Vorgänge auf der Strasse, aber ihre Gedanken sind noch oben, in der Wohnung. Ist es wirklich so einfach? Irgendetwas nagt an ihr. Sind es die Zahlen? Etwas anderes? Bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass Erbacher die Studentin, mit der er höchstwahrscheinlich ein Verhältnis hatte, nicht getötet hat. Und trotzdem. „Wir müssen Erbacher finden.“ Sie sich zu Riesel. „Irgendwo muss er stecken. Verdammt, er ist ein Mathematikprofessor und nicht James Bond. Er hat keine Übung im Untertauchen. Er muss irgendwo ein Zimmer nehmen, in einem Hotel oder einer Pension. Seine Eltern sind tot, er hat keine näheren Verwandten und scheint auch keine Freunde zu haben, bei denen er übernachten kann. Er ist mit dem Wagen unterwegs, das Kennzeichen ist bekannt und irgendwann muss er tanken. Er hinterlässt wahrscheinlich Spuren wie ein kaputter Sack Mehl.“ Riesel nimmt Verteidigungshaltung an: „Die Fahndung nach dem Wagen läuft, aber so lange er sich nicht auffällig benimmt, besteht wenig Chancen, dass er irgendwo aufgespürt wird. Wir können ja noch nicht einmal eingrenzen, wohin er gefahren sein könnte. Das macht auch die Suche nach Unterkünften schwierig. Und wenn er in eine dieser Absteigen geht, ist den Portiers auch egal, ob sie sein Gesicht auf einem Fahndungsfoto schon mal gesehen haben, solange er die Rechnung zahlt.“ Nervös fährt er sich mit einer Hand durch die Haare. Pia weiß, dass er empfindlich reagiert, wenn seine berufliche Perfektion in Frage gestellt wird, aber sie hat keine Lust es auszukosten. „Lassen Sie uns in Büro zurückfahren. Vielleicht gibt es da etwas Neues.“
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 13
Die Surowa umklammert ihre Handtasche. „Wenn nicht hier, er ist in Universität. Aber er Dienstag nicht arbeitet, er immer hier, wenn ich komme.“ Nach ein paar vorsichtigen Fragen, begleitet von beruhigenden Lächeln, erfährt Riesel, dass Putzfrau regelmäßig und schon seit mehreren Jahren dienstags, donnerstags und samstags kommt und dass sie Samstag das letzte Mal da war, Erbacher sich aber an dem Tag hauptsächlich im Arbeitszimmer aufgehalten habe, so dass sie ihn kaum zu Gesicht bekam. Ermutigt von Riesels offensichtlichem Interesse an ihrer Tätigkeit, dass dieser mit dem Äußern diverser „Aha“ und „Nein, tatsächlich“ unterstreicht, wird sie dann etwas ausführlicher. Die Klage, dass die Wohnung viel zu groß für eine einzelne Person sei und viel zu viel Arbeit mache, wird begleitet von der Andeutung, dass der Professor eher Desinteresse daran zeigt, auch nur die kleinste Kleinigkeit selbst wegzuräumen. Was sie von dem Professor halte? Hin und hergerissen zwischen Diskretionsbewusstsein und Tratschlust siegt Letztere und die Surowa offenbart mit sichtlicher Genugtuung, dass der Professor seltsam sei, was Riesel vor allem darauf zurückführen darf, dass Erbacher keinerlei Neigung zu verspüren scheint, sich mit der Putzfrau zu unterhalten. Donnerstags sei er immer in der Universität, und aus den weitschweifigen Erläuterungen der Putzfrau können Pia und Riesel entnehmen, dass er sich Dienstags und Samstags anscheinend unter dem Vorwand, arbeiten zu müssen, im Arbeitszimmer verschanzt, wobei er umgehend den Raum verlässt sobald die Surowa mit ihrem Staubtuch eintritt, nicht ohne ein Buch mitzunehmen mit dem er sich im Wohnzimmer beschäftigt, bis sie ihre Arbeit beendet hat. Riesel bringt Verständnis für ihre Irritation zum Ausdruck und fragt dann nach Damenbesuchen. Die Surowa reisst ihre Augen auf. „Nein, Frauen, nein, nicht Professor.“ Dann überlegt sie einen Moment. Mit einem wissenden Lächeln und mehrfachen Augenzwinkern deutet sie an, dass das Bett manchmal gewisse Spuren aufgewiesen hat, die natürlich auch durch den Professor allein verursacht sein konnten, hier erneutes Augenzwinkern, aber unter diesen Umständen sei die Anwesenheit einer Dame vielleicht doch nicht ganz so abwegig. Da die Surowa offensichtlich nichts Brauchbares weiß, blockt Riesel hier ab, um sich die Spekulationen zu ersparen, auf die sich die Putzfrau bereits gedanklich vorzubereiten scheint. Er sieht zu Pia rüber. „Ist Ihnen sonst irgendetwas aufgefallen, etwas Ungewöhnliches?“ Pia gibt sich wenig Mühe die Ungeduld in ihrer Stimme zu verbergen, und die Haltung der Surowa wird steifer. „Ich hier nur putze, aber nicht schnüffeln.“ Riesel lenkt sofort ein. „Das haben wir auch gar nicht behauptet. Aber ich bin sicher, dass Sie eine gute Beobachterin sind.“ Erneutes Lächeln und die Putzfrau taut wieder auf. „Nein, alles normal, nur viele Bücher, viel Staubputzen.“ Bevor Riesel sie ablenken kann, fährt sie wehleidig fort: „Und Badezimmer, jedes Mal Boden wischen, immer nass, Professor kümmert sich um nichts, kein Duschvorhang, kostet nur paar Euro, aber kümmert sich nicht.“ Dann gestikuliert sie zur Küche. „Und Küche, immer Mikrowelle dreckig, keine Abdeckhaube, ist egal, Surowa macht ja sauber.“ Hastig erklärt Riesel: „Danke, wir haben keine weiteren Fragen mehr.“ Er steht auf und hält der Putzfrau die Hand hin. Sie lässt sich von ihm hochziehen und strahlt, als er ihr versichert, dass sie eine große Hilfe gewesen sei. Das Lächeln verschwindet abrupt von ihrem Gesicht, als Pia ihre letzte Frage nachschießt: „Haben Sie einen Schlüssel für die Wohnung?“ Die Surowa nickt und kramt in ihrer Handtasche. „Ich brauche Schlüsssel, wenn keiner da, ich öffne Tür.“ Sie hält Riesel den Schlüssel hin, der ihn nachdenklich annimmt. „Wer hat noch einen Schlüssel, wissen Sie das? Hat Erbacher das mal erwähnt?“ Obwohl Pia sie erneut angesprochen hat, sieht die Putzfrau wieder Riesel an, als sie antwortet. „Nein, kein anderer Schlüssel. Professor einmal hat Schlüssel in Wohnung vergessen, als er raus und Haustür zugemacht, und er mich angerufen, damit ich komme und Tür mit meinem Schlüssel öffne.“ Pia nickt. Die Haustür hat ein Schnappschloss, sie kann von außen nur mit dem Schlüssel geöffnet werden. Ihren bohrenden Blick kann die Putzfrau nicht länger ignorieren. Sie sieht unbehaglich aus, als Pia fragt: „Hatten Sie Ihren Schlüssel die ganze Zeit über? Haben Sie ihn verliehen? Ist er abhanden gekommen?“ Das Unbehagen wird zu Beunruhigung. „Schlüssel immer bei mir, ich noch nie verloren, ich immer Acht geben. Immer.“ Die Stimme der Putzfrau zittert nun, und Riesel hebt beruhigend eine Hand. „Keine Sorge, es ist nichts gestohlen worden. Wir wollen nur ganz sicher sein, dass die Tür nicht mit Ihrem Schlüssel geöffnet wurde.“ Die Surowa ist augenscheinlich zu nervös um auch nur auf den Gedanken zu kommen, nach dem Grund der Anwesenheit der beiden Beamten zu fragen. Es macht die Sache nicht besser, als Pia ihr erklärt, dass sie vorerst nicht putzen darf. „Aber Professor kommt zurück und Wohnung in Zustand wie jetzt“, ihr heftiges Gestikulieren umfasst einmal den ganzen Raum. „Sie werden benachrichtigt. Bis dahin setzen Sie keinen Fuß in die Wohnung, verstanden.“ Die Putzfrau weicht einen Schritt zurück und nickt schnell. „Riesel, lassen Sie sich die Adresse geben“, Pias Stimmlage macht überdeutlich, dass sie genug von der Putzfrau hat.
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 12
Die Wohnung wirkt verlassen. Die Spurensicherung ist abgeschlossen und die Leiche abtransportiert, es bleibt der Tatort, der anfangs ein seltsam leerer Ort im Kontrast zu dem Ermittlungstrubel ist, dann aber langsam beginnt, sich mit Inhalten zu füllen, jedes Ding verwandelt sich unter Pias Augen in einen Hinweis, jede Anordnung scheint auf etwas hinzudeuten, das jedoch noch nicht klar erkennbar ist. Im Wohnzimmer wird Pias Blick von der Stelle angezogen, auf der die Tote lag, dann wendet sich sich ab und beginnt den Raum nach dem abzusuchen, von dem bisher nur die Wirkung bekannt ist. „Wir suchen eine Ursache“, erklärt sie Riesel. „Aber wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, dass jede Wirkung nur eine einzige Ursache hat.“ Riesel starrt sie an, aber sie beachtet ihn nicht. Der Tatort gehört ihr, sie ist diejenige, zu der die Dinge sprechen, die die Signale empfängt. Eine Waffe, glatte Oberfläche, abgerundete Ecken. Sie geht durch die Räume und berührt Gegenstände mit behandschuhten Fingern. Vor ihren Augen entsteht eine Reproduktion des Hinterkopfes der Toten, zerdrückte Haare, die eine Stelle markieren, die erkennbare Einbuchtung. Mit ihren Augen trifft sie eine Vorauswahl, mit ihren Händen versucht sie das zu erfühlen, was in diese Einbuchtung passen könnte. Nach einer guten halben Stunde dreht sie sich zu Riesel um, der sie erst mit gerunzelter Stirn beobachtet und dann begonnen hat, selbst Schubladen aufzuziehen und Schränke zu öffnen. „Ich kann nichts finden.“ Das ist gleichbedeutend mit: die Waffe ist nicht hier. Riesel nickt langsam. „Sieht so aus, als wenn der Täter die Waffe mitgenommen hat. Vielleicht hat er sie irgendwo entsorgt.“ – „Die Mülltonnen in der Umgebung sind gestern morgen abgeholt worden. Wir werden in dieser Hinsicht kein Glück mehr haben.“ Pia denkt laut. „Wenn ich nur eine Idee hätte, worum es sich handeln könnte.“ Direkt neben dem Schlafzimmer ist das Bad und Pia geht erneut in den gekachelten Raum. Sie besieht sich den Duschkopf, der über der Badewanne in die Wand eingelassen ist und schüttelt den Kopf. „Kann nicht abgenommen werden. Nicht schwer genug.“ Im Bad ist es warm und Pia geht wieder ins Wohnzimmer.
Ein schriller Aufschrei empfängt sie. Eine ältere, korpulente Frau steht vor ihr, eine Hand auf ihr Herz gedrückt, von der anderen Hand baumelt eine braune Handtasche. Ihre aufgerissenen Augen gehen von Pia zu Riesel, der ebenfalls aus dem Bad getreten ist. Pia hebt beschwichtigend die Hände. „Wir sind von der Polizei, keine Aufregung.“ Die Worte haben keinen beruhigenden Eindruck auf die Frau, die nun nervös die Handtasche an den Busen zieht und mit der einen Hand darin kramt, ohne die Augen von den beiden zu wenden. Schließlich zieht sie ein gefaltetes Papier heraus und hält es Pia mit gestrecktem Arm hin. „Ich darf arbeiten, hier Arbeitserlaubnis.“ Ihre tiefe Stimme mit dem unverkennbar östlichen Akzent bebt. Pia seufzt und dreht sich zu Riesel, ihr Blick sagt: Ihre Kundin.“ Riesel versteht und setzt ein freundliches Schwiegersohnlächeln auf. „Wir sind nicht wegen Ihnen hier, Frau“ er nimmt das Schreiben entgegen und studiert es. „Frau Surowa.“ Er strahlt sie an und erntet ein unsicheres Lächeln. „Aber vielleicht können Sie uns helfen.“ Er zeigt zum Sofa. „Setzen wir uns einen Moment.“ Mit einem misstrauischen Blick in Richtung Pia setzt Frau Surowa sich auf die äußerste Kante eines Sessels. Langsam gewinnt sie ihre Fassung zurück. „Ich hier putze für Professor Erbacher. Professor heute nicht da?“ Sie schaut sich im Zimmer um, als ob sie erwartet, dass der Professor jeden Moment hereintritt. Riesel schüttelt den Kopf. „Wir suchen Herrn Erbacher, weil wir Fragen an ihn haben. Sie wissen nicht, wo er sich aufhält?“
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 11
Unbeweglich starrt Christopher ins Leere, dann nimmt er ihr den Stift aus der Hand und beginnt damit zu spielen. „Dafür gibt es irgendeine Erklärung. Die Zahlen sind wahrscheinlich ein Datum, das irgendwie wichtig ist, oder die Postleitzahl eines Ortes, der für beide Bedeutung hatte. Die Zahlen sind ein Symbol für ihre Beziehung und für dich chiffrieren sie das Motiv für den Mord.“ Das nervöse Drehen des Kulis stoppt und Christopher blickt auf. „Wenn du die Zahlen knackst, löst du den Fall.“ Die Sicherheit ist in seine Stimme zurückgekehrt und erreicht auch sie, die Küche gehört wieder ihnen allein. Pia atmet tief ein. „Klar“, sagt sie dann und zuckt mit den Schultern. „Das ist die Vorgehensweise. Wir haben nur noch keine Anhaltspunkte, wofür die Zahlen stehen. Aber irgendetwas von den Privatsachen Erbachers wird uns schon weiterbringen.“ Christopher nickt, ein wenig zu heftig. „Letztendlich wird die Welt Erbacher eingeholt haben. Auch wenn man es ihm nicht zutraut, scheint auch ein Vollzeitmathematiker vor so etwas nicht Berechenbaren wie Eifersucht oder Trennungsangst nicht geschützt zu sein.“ Er zieht eine Grimasse. Dann zerknüllt er die Zeitung und steht auf, um sie in den Behälter für Altpapier zu werfen. Ohne Pia anzusehen sagt er: „Mittlerweile kann ich mich sogar mit der Lust am Töten anfreunden. Denn bei der Vorstellung, das dahinter eine verquere Art von Rationalität steht, bekomme ich eine Gänsehaut.“
Riesel ist bereits im Büro, als Pia die Tür aufstößt und sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen lässt. Sie schlägt die Akte auf, die oben auf dem Stapel vor ihr liegt und zieht dabei ihren Trenchcoat aus. „Der Bericht des Gerichtsmediziners. Das ging ja erfreulich schnell“, bemerkt sie, während sie sich eines grauen Wollschals entledigt. Riesel kann das als die nettere Variation von morgendlicher Begrüßung auffassen und daraus die weitere Verhaltensweise ihr gegenüber ableiten. Dementsprechend entspannt nickt er und weist auf die noch halbvolle Kaffeekanne in der Maschine. „Der ist noch frisch, wenn Sie wollen…“ Pia sieht kurz in ihre rote Bürotasse, die noch eingetrocknete Reste vom gestrigen Kaffee aufweist, und füllt die Tasse dann bis zum Rand. „Was schreibt Klein denn? Haben wir eine Todesursache?“ – „Stumpfer Gegenstand“, erklärt Riesel. „Ansonsten keine Spuren. Es kann so ziemlich alles gewesen sein, was irgendwie abgerundet ist. Durch den Aufschlag ist es nicht zu einer offenen Wunde gekommen, gestorben ist sie letztlich an einer Fraktur des Schädels, die innere Gehirnblutungen verursacht hat. Nach dem Schlag hat sie vermutlich noch ein paar Minuten gelebt, aber Klein geht davon aus, dass sie bewusstlos war.“ Pia liest die entsprechenden Stellen im Bericht mit. „Wir brauchen eine Tatwaffe. Am besten fahren wir noch mal in die Wohnung.“ Sie blättert im Bericht des Mediziners. „Auch wenn an der Waffe kein Blut klebt, irgendetwas muss zurückgeblieben sein, Haare, Haut.“ – „Wenn die Waffe eine sehr glatte Oberfläche hat, wird es schwierig“ meint Riesel. „Solche Tatwerkzeuge stellen sich nur bei sehr genauer Betrachtung als die Waffe heraus.“ Es klingt wie auswendig gelernt, aber Pia hält sich zurück. „Dann müssen wir eben sehr genau suchen.“
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