Zahlen und Zeichen
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krimi im blog: zahlen und zeichen 76
Erbacher macht sofort die Tür auf, ist aber etwas erstaunt, als er neben Pia und Alena noch Riesel entdeckt. Pia stellt ihn vor und Erbacher nickt ergeben. Während Alena ihm erklärt, warum sein Bad in das Zentrum der Ermittlungen gerückt ist, öffnet Pia die Tür zum Badezimmer und stellt sich in den Eingang. „Erinnern Sie sich an etwas Ungewöhnliches, als wir das erste Mal hier waren,“ fragt sie Riesel. Sie spürt, dass er über ihre Schulter hinweg in das Zimmer starrt und dabei verzweifelt versucht, ein Bild aus der Erinnerung heraufzubeschwören. Schließlich sagt er: „Es war warm.“ Langsam dreht Pia sich um, dann rollt sie mit den Augen. „Das ist das einzige, was Ihnen einfällt?“ Sie wendet sich wieder dem Bad zu und tritt ein. Neben der Toilette und dem Waschbecken gibt es die Badewanne an der Wand, die auch als Dusche dient. Ein nackter Duschkopf ist in die Wand einzementiert und Pia erinnert sich daran, dass sie in Erwägung gezogen hatte, dass das Mädchen mit dem Duschkopf erschlagen worden sein könnte. Sie sieht sich selbst im Raum stehen, den Duschkopf betrachten und dann wieder hinausgehen. Riesel hat recht, denkt sie jetzt. Es war verdammt warm in dem Raum. „Hatten Sie die Heizung eingestellt, bevor Sie gefahren sind?“ Der Professor beeilt sich, auf ihre gerufene Frage hin näher zu treten. „Nein, aber vielleicht hat Melanie, also Frau Krüger, die Heizung höher gestellt.“ Erbacher sieht verlegen auf seine Füße. „Sie hat immer eine Dusche genommen, bevor sie wieder nach hause gefahren ist. Und weil ihr kalt war, hat sie dann regelmäßig die Heizung hochgedreht.“ Pia dreht sich zu Riesel um: „Was sagt der Gerichtsmediziner, war die Krüger geduscht?“ Riesel durchforstet seine Erinnerung an den Bericht und nickt dann. „Ja, ich bin ziemlich sicher, das in dem Bericht so etwas stand.“ Pia wendet sich wieder der Dusche zu und starrt gedankenverloren darauf. Ganz hinten in ihrem Bewusstsein taucht ein Satz auf, den jemand geäußert hatte, es ging um die Dusche. Riesel will etwas sagen, aber sie hebt die Hand und zischt: „Seien Sie bitte einen Moment ruhig.“ Sie schließt die Augen und versucht den Gedanken zu erhaschen, der sich ihr immer wieder entzieht. Dann denkt sie, dass sie dieses Gefühl schon einmal hatte, das Gefühl, dass etwas an ihr vorbeigeschlüpft ist, eine Bemerkung oder eine Beobachtung. Zu welcher Gelegenheit kann das gewesen sein? Sie sucht nach Anhaltspunkten. Mit wem war sie damals zusammen, mit Alena? Sie dreht sich um, aber ihr Blick bleibt an Riesel haften, der sie erschreckt ansieht. Sie hat mit Riesel geredet und dabei gedacht, dass ihr etwas entgangen ist. Dann fällt es ihr ein. „Das Gespräch mit der Putzfrau!“ Riesel zuckt zusammen und sieht Pia verwirrt an. „Was ist damit,“ fragt er mit schuldbewusstem Gesicht, so als ob er es eigentlich wissen müsste. Pia beachtet ihn nicht. Die Surowa hatte eine Bemerkung über das Bad gemacht, die für einen winzigen Moment ein Gedankenkonstrukt geknüpft hatte, so dünn, dass der Faden sofort wieder gerissen ist. „Was hat die Surowa über das Bad erzählt,“ fragt sie Riesel, jetzt mit leichter Verzweiflung in der Stimme. Das eine Fadenende ist da, unbezweifelbar, aber sobald sie sich ihm nähert und es ergreifen will, scheint jemand daran zu ziehen und es verschwindet erneut in der Dunkelheit. „Ich bin sicher, dass wir das Gesagte nicht protokolliert hatten, weil es nicht bedeutsam war. Es war nur eine von vielen irrelevanten Äußerungen in ihrem nervtötenden Wortschwall.“ Sie kann sehen, wie es in Riesels Kopf arbeitet. Ein Räuspern kommt aus Erbachers Richtung. „Vielleicht hat sie sich wieder darüber beschwert, dass der Boden im Bad immer so nass ist, wenn geduscht wurde.“ Er wirkt leicht ungehalten. „Es ist richtig, dass ich keinen Duschvorhang habe, aber die Pfützen auf dem Boden entstehen hauptsächlich dadurch, dass der Duschkopf defekt ist. Er spritzt nach allen Seiten.“ Stirnrunzeln. „Eigentlich hatte ich schon vor geraumer Zeit einen Techniker bestellt, der den Duschkopf austauschen sollte. Er ist bis heute nicht gekommen. Ich werde mich beschweren.“ Riesel und Pia wechseln einen Blick. „Der Techniker war da,“ sagt Pia langsam. „Er hat den Hausmeister am Montagmorgen gebeten, die Tür zu öffnen, weil Sie nicht zu hause waren. Zusammen haben sie die Leiche entdeckt.“ Plötzlich hat Pia einen klaren Ablauf vor Augen, so deutlich, als ob es ein reales Geschehen wäre, dem sie aktuell zuschaut. „Melanie Krüger geht ins Bad um zu duschen, als sie allein ist. Sie stellt die Heizung an, weil es kalt ist. Sie duscht und produziert dabei Pfützen auf dem Boden.“ Pia spürt alle Blicke auf sich und hört Alena scharf einatmen. Langsam fährt Pia fort. „Melanie steigt aus dem Bad, tritt in eine Pfütze, rutscht weg und kommt mit dem Hinterkopf auf die Ecke der Badewanne.“ Alle blicken unwillkürlich auf die glatte Keramikoberfläche. Riesel schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Der Gerichtsmediziner schrieb im Bericht, dass sie Aspirin und Alkohol intus hatte. Sie war also unsicher auf den Beinen und konnte deshalb den Sturz nicht auffangen.“ Seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. Er schaut Pia an und formuliert dann vorsichtig die unvermeidliche Schlussfolgerung: „Sie ist nicht erschlagen worden, es war ein Unfall.“ Pia amüsiert sich über seine Aufregung, fühlt aber selbst leichte Anspannung. Sie überspielt sie, indem sie nachlässig mit den Schultern zuckt. „Wir werden es nie erfahren. Aber es scheint die einzige Lösung zu sein, die mit allen bekannten Fakten übereinstimmt.“ Ein Gespräch mit Alena kommt ihr in den Sinn und sie sieht Alena an. Deren Gesichtsausdruck verrät nichts, aber Pia fühlt Alenas forschenden Blick auf sich. Sie versucht, sich zu konzentrieren und sagt zu Erbacher: „Die Ecke der Wanne dürfte mittlerweile keine Spuren mehr aufweisen. Das Bad ist vermutlich schon geputzt worden.“ Der Professor nickt verunsichert. Pia hebt eine Hand und lässt sie wieder fallen. Dann doziert sie weiter: „Aufgrund der hochgedrehten Heizung war das Bad sehr warm, darum sind die Wasserpfützen auf dem Boden schnell getrocknet, wie auch der Körper von Frau Krüger. Gleichzeitig war das die Ursache dafür, dass die Körpertemperatur der Leiche anfangs hoch geblieben ist, so das sich im Zuge der Bewegung der Leiche nicht die typischen Merkmale ausgebildet haben.“ Es passt zusammen wie die Teile eines Puzzlespiels. „Das war es, denke ich.“ Pia wendet sich zum Gehen. „Legen Sie den Bericht auf meinen Schreibtisch, wenn Sie ihn fertig geschrieben haben, Riesel.“
Zwei Wochen später sitzen Pia und Alena in einem Kaffee in der Innenstadt. Zu Pias Überraschung hatte Alena das Treffen telefonisch vorgeschlagen, und Pia hatte nach einer Denksekunde zugesagt. Insgeheim freute es sie, dass Alena sich gemeldet hatte. Trotzdem war es seltsam ihr gegenüberzusitzen, ohne durch das besondere Band des Falles gebunden zu sein. Nach der Begrüßung und Pias lakonischen Bericht über die Reaktion ihres Vorgesetzten zur Präsentation des möglichen Tathergangs, rühren beide eine Weile schweigsam in ihren heißen Getränken. Pias Blick schweift durch das vollbesetzte Kaffee, das mit klassischen Polsterstühlen im Streifenmuster und polierten runden Tischen aus dunklem Holz ausgestattet ist. Ein großer Spiegel mit Goldrahmen hängt an der dunkelrot gestrichenen Wand gegenüber, und Pias Blick bleibt an einem Tisch des Raums hinter dem Spiegel hängen, an dem eine schwarzgekleidete Frau mit dunklen Locken und eine blonde Frau mit einem eleganten Kurzhaarschnitt und weißem Kaschmirpulli sitzt. Wie vollkommen gegensätzlich sie doch sind! Alenas Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. „Ich mache mir Vorwürfe, dass ich Sie damals auf die Idee mit der Geheimgesellschaft gebracht habe. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten Sie den Fall bestimmt schon früher gelöst.“ Pia sieht sie an und entdeckt echtes Schuldbewusstsein auf ihrem Gesicht. Sie schüttelt schnell den Kopf. „Ich sehe das nicht so.“ Sie überlegt einen Moment und lächelt. „Wissen Sie, eins habe ich durch diesen Fall gelernt. Vielleicht gibt es so etwas wie Fakten, aber wichtiger als die Fakten ist der Sinn, den man ihnen gibt, der Zusammenhang, den man zwischen ihnen herstellt. Die Fakten, das waren zum Beispiel die Leiche, die geschlossene Wohnung, der verschwundene Wohnungsinhaber. Allein aus diesen drei Elementen kann man diverse Konstellationen basteln, aus denen sich völlig verschiedene Tatverläufe ergeben.“ Pia sieht Alena an. „Die Herausbildung einer Konstellation und die Entscheidung dafür beruht natürlich auf weiteren Fakten, auf weiteren Spuren. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem es nur noch Spekulation gibt. Der Punkt, an dem die Spuren enden, und man auf sich allein gestellt ist. Sicher, es gibt bestimmte Prinzipien, an die man sich halten kann, wenn man an diesem Punkt angelangt ist. Logische Schlussfolgerung zum Beispiel. Die Anwendung von Logik ist aber verbunden mit der Annahme, das der Verbrecher rational gehandelt hat.“ Sie lacht kurz. „Verbrecher sind aber nicht immer rational. Menschen allgemein sind nicht rational. Henseler hat völlig irrational gehandelt.“ Sie schüttelt, immer noch verständnislos, den Kopf. „Es war so unvernünftig, die Leiche ins Wohnzimmer zu transportieren. Um das würdelose Ende im Bad ein wenig zu mildern.“ Pia rollt hilflos mit den Augen. „Henseler ging von Anfang an davon aus, dass es sich um einen natürlichen Tod handeln würde. Aber das hat ihm nicht gereicht, er wollte aus ihrem Tod ein Mysterium machen.“ Alena lächelt. „So irrational ist das vielleicht gar nicht. Wir möchten doch alle den Tod von Menschen, die wir geliebt haben, verstehen. Wir suchen den Sinn, den Grund, der hinter dem Tod steht. Das macht den Tod leichter ertragbar. Was Henseler von Anderen unterscheidet ist allerdings die Tatsache, dass er von Anfang an von der Sinnlosigkeit ihres Todes überzeugt war. Aber auch er konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Die Zahlen waren wie eine Decke, unter der er die Sinnlosigkeit ihres Todes verbergen wollte.“ Pia spielt mit dem Stück Schokoladenkuchen auf ihrem Teller. „Die Zahlen. Der Fehler war, die Zahlen als Zeichen zu interpretieren. Sie als einen Hinweis auf ein Etwas, das hinter ihnen steht, aufzufassen und dadurch die Oberfläche, das Offensichtliche zu vernachlässigen. Das ist wie ein Verrat am gesunden Menschenverstand.“ Alena lacht. „Aber genau das war ja auch ihre Funktion. Die Zahlen sollten von dem Offensichtlichen ablenken, das Sichtbare als Oberfläche des Unsichtbaren andeuten.“ Sie zieht eine Grimasse und Pia grinst. Dann erklärt sie beruhigend: „Sie haben diesem Unsichtbaren nur eine Gestalt gegeben, eine greifbare Form, mit der ich arbeiten konnte. Es war lediglich ein Vorschlag, aber ich habe ihn aufgegriffen. Weitergesponnen. An Henseler weitergereicht. Wir haben alle zusammen eine Wirklichkeit gebastelt, die letztlich keine reale Grundlage hatte.“ Sie gestikuliert mit ihrer Kuchengabel. „Das ist Paranoia. Man sucht sich die Fakten heraus, die zum Konstrukt passen und ignoriert den Rest. Man überhört und übersieht alles andere.“ Alena trinkt einen Schluck Tee. „Sie haben natürlich recht. In diesem Fall war die Lösung profan. Normal. Alltäglich. Und man muss auch dem Normalen eine Chance geben und es nicht sofort beiseite schieben, um nach dem zu suchen, was sich darunter befinden könnte.“ Dann seufzt sie. „Aber Tatsache ist doch, dass es viel spannender ist, nach dem zu suchen, was sich unter der Oberflächen befinden könnte, oder?“ Pia grinst. „Um Himmels Willen, verschonen Sie mich das nächste Mal damit. Möchten Sie eigentlich noch Kuchen? Wenn Sie sowieso zur Servicetheke gehen, können Sie mir ein Stück Obstschnitte mitbringen.“
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