Zahlen und Zeichen
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krimi m blog: Zahlen und Zeichen 73
Nachdem sie Erbacher nach hause geschickt hat, schaut Obersdorf im Büro vorbei. „War der Professor kooperativ?“ Tatsächlich möchte er wissen, ob Pia ihm gegenüber angemessen höflich war. Sie nickt mit Überzeugung und Obersdorf ist fast beruhigt. „Zumindest ist Professor Erbacher wieder da. Was wir jetzt noch erledigen müssen, damit die leidige Angelegenheit ein Ende hat, ist den Mörder des jungen Mädchens zu finden.“ Mit „wir“ meint er Pia. Die lehnt sich zurück und fragt beiläufig: „Hatten Sie gestern einen Tag frei?“ Obersdorf macht eine bejahende Kopfbewegung, die vage genug bleibt, um Pia Anlass zur Nachfrage zu geben. „Ziemlich plötzlich, oder? Ich hatte keine Ahnung, dass Sie nicht da sein würden.“ Obersdorf reagiert ungehalten. „Ich halte es nicht für erforderlich, Sie über meine Urlaubsplanung auf dem Laufenden zu halten.“ Pia zuckt mit gespielter Gleichgültigkeit mit den Schultern. „Riesel hat sich für zwei Tage krank gemeldet,“ erwähnt sie nun. Obersdorf weicht ihrem Blick aus. „Ja, das ist mir bekannt. Seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist bereits eingegangen.“ Pia fühlt leichte Anspannung in sich aufsteigen. Ist da etwas im Gange? Bemüht er sich tatsächlich, sie nicht anzusehen, oder bildet sie sich das ein? Jetzt murmelt Obersdorf in Richtung Mantelständer: „Wenn Sie Verstärkung brauchen, versuche ich, jemanden aus einer anderen Abteilung abzuziehen. Der Fall ist wichtig, ich möchte nicht, dass es zu Verzögerungen kommt.“ Pia beobachtet ihn aufmerksam. „Ich melde mich bei Ihnen. Momentan ist es zu schaffen. Aber ich bräuchte jemanden für die Schreibarbeit.“ Erleichtert wendet sich Obersdorf ihr zu. „Ich werde Frau Pastors bescheid sagen. Sie kümmert sich darum.“
Auf der Fahrt zu Henseler ins Krankenhaus bastelt Pia im Kopf an Konstellationen. Hat Riesel wieder um seine Versetzung gebeten? Ist der Krankenschein nur ein Vorwand, eine Gefälligkeit des Arztes, um ihm Spielraum zu verschaffen? Weiß Obersdorf davon und arbeitet er mit Riesel zusammen, gegen sie? Als sie abrupt an der roten Ampel halten muss, ruft sie sich zur Besinnung. Sei nicht paranoid. Riesel ist krank und Obersdorf hatte lediglich Angst, dass du einen Ersatz forderst. Du weißt selbst, dass es ziemlich schwierig ist, jemanden zu finden, der mit dir zusammenarbeiten möchte. Sie zieht eine Grimasse. Riesel kam letztes Jahr frisch von der Akademie, er hatte erstens keine Ahnung, mit wem er sich einlassen würde, und zweitens keine Wahl. Pia wusste von Obersdorf, dass Riesel nach einem Monat Zusammenarbeit mit ihr bereits den ersten Versetzungsantrag gestellt hatte. Obersdorf hatte ihm damals erklärt, dass er als guter Kripo-Beamter mit jedem auszukommen hatte, auch mit Pia Stein-Bachmüller. Und Pia hatte er in einem vertraulichen Gespräch danach deutlich gemacht, dass sie zumindest ihren guten Willen zeigen sollte, da es ansonsten schwierig würde, einen neuen Partner für sie zu finden. Und ohne Partner keine Ermittlungstätigkeit. Pia hatte wortlos genickt und Riesel danach eine Zeitlang mit kühler Höflichkeit behandelt, bis ihr alter abfälliger Ton wieder zum Vorschein trat. Aber zu dem Zeitpunkt hatte sich Riesel anscheinend bereits damit abgefunden, dass sein weiteres berufliches Fortkommen von der erfolgreichen Kooperation mit der problematischsten Kommissarin der Behörde abhing, und er versuchte augenscheinlich, das Beste daraus zu machen. Pia fragte sich manchmal, ob Riesel bewusst war, dass er niemals von ihrer Seite weichen würde, wenn sich herausstellte, dass er einigermaßen mit ihr klar kam. Der Gedanke daran zauberte regelmäßig ein boshaftes Grinsen auf ihr Gesicht. Es wäre unerträglich für sie, wenn Riesel im Vorbeigang Karriere machen würde. Und sie würde alles tun, um vor ihm endlich befördert zu werden.
Die Schwester im Krankenhaus erkennt sie wieder und führt sie mit einem unfreundlichem Gesicht zu Henseler. „Es geht ihm schon wieder besser, aber er darf nicht überanstrengt werden,“ bemerkt sie spitz, bevor sie das Zimmer verlässt. Henseler sieht blass aus, aber er bringt ein Lächeln hervor, als er Pia erkennt. Sie setzt sich auf den gepolsterten Besuchersessel und zieht ein digitales Aufnahmegerät aus ihrer Tasche. „Ich werde Sie jetzt zu dem Überfall befragen und Ihre Antworten auf Band aufnehmen.“ Sie versucht, ihre Stimme neutral zu halten. Henseler nickt vorsichtig. Nach der Einleitung beginnt Pia: „Erzählen Sie mir, was passiert ist.“ Henseler schließt kurz die Augen. „Ich kann mich nicht an sehr viel erinnern.“ Seine Stimme ist schwach und Pia betrachtet ihn misstrauisch. „Ich weiß nur noch, dass ich ein Geräusch gehört habe und als ich mich umdrehen wollte, habe ich einen Schlag auf den Kopf bekommen. Als ich wieder wach wurde, lag ich im Krankenhaus.“ Pia sieht ihn mit ihrem Pokergesicht an. Sie spürt, dass er unruhig ist, dass er versucht, irgendetwas über ihre Einstellung ihm gegenüber aus ihrer Haltung zu lesen, aus ihren Gesichtszügen. Such weiter, denkt sie. „Wie ist der Eindringling in Ihr Apartment gekommen? Stand die Tür offen?“ Pia runzelt die Stirn und Henseler beeilt sich mit einer Erklärung: „Manchmal vergesse ich, die Tür hinter mir richtig ins Schloss zu ziehen. Ich habe morgens den Müll herunter gebracht, vielleicht habe ich sie da nur kurz zugezogen. Jeder kann die Tür dann von außen kurz aufstoßen und wahrscheinlich war das Geräusch, das ich gehört habe, genau dieses Aufstoßen.“ Pia zieht die Augenbrauen hoch und Henseler sieht unglücklich aus. „Es sah nicht so aus, als ob etwas gestohlen wurde. Warum glauben Sie, hat man Sie niedergeschlagen? Haben Sie einen Verdacht?“ Henseler öffnet den Mund, um etwas zu sagen, und schließt ihn dann wieder. Pia hat den Eindruck, als ob er auf etwas wartet. Darauf, dass sie eigene Schlüsse zieht? Den Gefallen tue ich dir nicht, Kleiner. Stattdessen rückt sie mit dem Stuhl näher an sein Bett. „Sie haben mich angelogen, als es um Ihre Beziehung zu Frau Krüger ging.“ Pias Stimme ist eiskalt. „Sie haben versucht, sich mit ihr zu treffen. Sie haben ihr E-Mails geschrieben. Sie hat sie abblitzen lassen.“ Henselers Gesicht verfärbt sich. „Wie kommen Sie darauf?“ Pia schnippst mit den Fingern. „Wir haben gelöschte E-Mails von Frau Krügers Computer rekonstruiert.“ Pia kann sehen, wie es in Henseler arbeitet. „Vielleicht wäre es besser, wenn Sie mir die volle Wahrheit sagen würden, Herr Henseler. Bevor Sie sich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.“ Insgeheim verflucht sie die Abteilung, die die Disketten aus dem Schließfach noch nicht geknackt hat. Die einzige Information, die sie bisher erhalten hat, war, dass die Disketten verschlüsselt sind und dass man daran arbeitet. Verlierer, schimpft Pia in Gedanken. Nach außen bleibt sie ruhig. Henseler wird sekündlich nervöser. Du fragst Dich, wie viel ich bereits weiß, nicht wahr? Genüsslich lässt Pia die Sekunden verstreichen. Henseler schluckt schließlich. „Es ist wahr, sie hat mich abblitzen lassen. Es war mir unangenehm. Darum habe ich nichts davon erzählt. Ich,“ er stockt kurz und spielt nervös mit den Händen. „Ich mochte sie. Aber ich war nicht ihre Liga. Ich bin ein Streber in ihren Augen. Der Lieblingsstudent des Professors. Als sie nicht weitergekommen ist, hat sie mich per E-Mail um Hilfe bei den Klausuren gebeten. Ich habe ihr ein paar mal geantwortet und dann habe ich ihr angeboten, ihr persönlich bei den Klausurvorbereitungen zu helfen, ihr Nachhilfe zu geben. Erst war sie einverstanden, aber es ist nie zu einem Treffen gekommen. Auf einmal meinte sie, sie hätte schon jemand Anderen, der ihr hilft.“ Henseler bricht an und sein Gesicht verfärbt sich. Pia nickt langsam. „Erbacher hat ihr geholfen, der Professor höchstpersönlich. Darum brauchte sie die Hilfe seines Assistenten nicht mehr.“ Pia beobachtet, wie die Worte langsam in sein Bewusstsein sinken und dort wie spitze Steine liegen bleiben. „Sie wussten es, nicht wahr? Sie wussten von dem Verhältnis zwischen Ihrem Professor und Ihrer Flamme.“ Auf einmal ist sie sich ganz sicher. „Warum haben Sie es mir gegenüber nicht erwähnt?“ Ihre Stimme ist schneidend. Henseler sieht sie ängstlich an. „Sie haben mich nicht danach gefragt. Ja, ich wusste es. Ich habe einmal ein Telefonat mitgehört, und dann habe ich beobachtet, wie sie reagieren, wenn sie sich zufällig auf dem Flur in der Uni trafen. Erbacher konnte sich nicht verstellen, er ist regelmäßig knallrot geworden und schnell an ihr vorbeigelaufen. Und sie,“ Henseler vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. „Sie ist jedes Mal ganz kühl geblieben. Völlig gelassen. Sie hat nur leicht gelächelt.“ Seine Stimme klingt erstickt. „Haben Sie Melanie Krüger umgebracht?“ Pia stellt die Frage sachlich, es ist der naheliegende Schluss, und Henseler muss die zwingende Logik spüren, denn seine Reaktion ist fast gleichmütig. Er hebt langsam den Kopf aus seinen Händen und sieht Pia an. Als er schließlich spricht, ist seine Stimme ohne jede Hoffnung. „Sie war bereits tot, als ich in die Wohnung eingedrungen bin.“
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 72
Erbacher überlegt kurz. „Neben dem Schlüssel, den ich selbst habe, existiert noch ein Schlüssel, der beim Hausmeister geblieben ist.“ Er runzelt die Stirn, dann hellt sich seine Miene auf. „Ach ja, einen Schlüssel besitzt meine Reinemachefrau.“ Vorsichtig fragt er Pia: „Sie mutmaßen aber nicht, dass diese treue Seele in meine Wohnung eingedrungen ist, um irgendetwas anderes zu tun, als zu putzen?“ Erbacher schüttelt den Kopf. „Sie mag zwar etwas exzentrisch sein und vielleicht redet sie auch etwas viel, aber sie ist sicher nicht im Stande, etwas Ungesetzliches zu tun.“ Pia erinnert sich an Frau Surowa und verzieht leicht das Gesicht. „Sie steht nicht unter Verdacht. Aber Sie haben Recht, sie redet sehr viel.“ Erbacher vermutet einen Scherz und wird etwas lockerer. Pia ergreift die Gelegenheit und stößt wieder zu: „In Ihre Wohnung wurde nicht eingebrochen, Herr Professor. Der Hausmeister und seine Frau schwören bei allen Heiligen, dass der Ersatzschlüssel sich in der Tatnacht in ihrem Schlüsselkasten befunden hat. Und da die beiden ebenfalls nicht verdächtigt werden, bleibt Ihren Ausführungen zufolge nur ein Schlüssel übrig, mit dem die Tür geöffnet worden ist – Ihr Schlüssel.“ Erbacher zuckt zurück. „Aber ich habe den Schlüssel immer bei mir gehabt.“ Er stockt, weil er merkt, dass ihn diese Aussage nicht entlastet. Hektisch krallt er sich mit den Fingern am Schreibtisch fest. „Frau Kommissarin, ich flehe Sie an, glauben Sie mir doch. Ich wäre niemals in der Lage, dem Mädchen etwas anzutun. Niemals.“ Seine Stimme zittert. Pia betrachtet Erbacher, wie ein Biologe eine zu identifizierende Pflanze betrachtet. „Was war die Grundlage für Ihr Verhältnis zu Frau Krüger?“ Erbacher starrt sie stumm an, sein Gesicht färbt sich erneut rötlich. „Wer hat den Anfang gemacht? Wann?“ Jetzt reagiert er. „Ich hätte niemals einer Studentin ein unsittliches Angebot gemacht. Und in der Vergangenheit bin ich auch nie eine solche Beziehung zu einer Studentin eingegangen. Mein Ruf ist tadellos,“ beeilt er sich zu sagen. Seine Gesichtsfarbe wird noch dunkler. „Frau Krüger hat mich vor ca. einem halben Jahr angerufen und mich um meine Hilfe gebeten. Es stand sehr schlecht um den Fortgang ihres Studiums. Sie ist zu mir gekommen und ich habe ihr,“ er schluckt. „Nachhilfe gegeben.“ Ohne jede Hoffnung sieht er Pia an. „Sie glauben jetzt wahrscheinlich, dass ich die Situation ausgenutzt habe und ich kann nur versichern, dass es nicht meine Absicht war. Tatsächlich ist die Initiative von Frau Krüger ausgegangen.“ Er schluckt noch einmal. „Frau Krüger ist,“ er kommt leicht ins Stottern, „ war, eine sehr attraktive junge Frau. Als sie sich mir in eindeutiger Absicht genähert hat, war mir sehr wohl bewusst, dass sie sich nicht von Gefühlen mir gegenüber leiten ließ.“ Erbacher richtet sich auf und Pia entdeckt einen Hauch von Würde in seiner Stimme. „Glauben Sie mir, ich wusste, dass Frau Krüger sich Vorteile davon versprach, dass sie sich mit mir auf privatem Wege traf. Ich habe mir nicht eingebildet, dass sie andere Motive hat, als ihre Zwischenprüfung zu schaffen. Aber ich bin niemals so weit gegangen, dass ich ihr Prüfungsunterlagen besorgt hätte. Ich habe wirklich versucht, ihr einen Zugang zur Mathematik zu zeigen, ihren Blick für die Schönheit und die Eleganz mathematischer Gleichungen zu öffnen.“ Pia zieht die Augenbrauen nach oben. „Ich fürchte, ihr wären die Prüfungsergebnisse lieber gewesen. Sie hat Sie demnach darum gebeten? Hat sie versucht, Sie zu erpressen?“ Erbacher erkennt erneut, dass er seine Situation nicht gerade verbessert hat. „Nein, das hat sie nicht und ich hätte es ihr auch nicht zugetraut. Sehen Sie, was sie getan hat, war ein Akt der Verzweiflung, aber sie wäre niemals so weit gegangen, meinen Ruf zu schädigen.“ Pia bezweifelt diese Einschätzung, sagt aber nichts. Sie ist weiterhin sicher, dass Erbacher nicht der Mörder ist. Aber Tatsache ist, dass die Krüger tot ist. Pia seufzt und holt sich eine weitere Tasse Kaffee. Erbacher lehnt erschrocken ab, als sie nachgießen möchte, der mittlerweile lauwarme Kaffee in seiner Tasse ist noch fast unberührt. Pia entschließt sich, ihn mit einer weiteren Frage aus der Reserve zu locken. Auch, wenn er nicht der Mörder ist, könnte er den Schlüssel zu dem Fall in seiner Hand halten. „Wissen Sie, ob Ihr Assistent, Herr Henseler, sich ebenfalls mit Frau Krüger getroffen hat?“ Erbacher macht große Augen. „Herr Henseler? Nein, dass denke ich nicht. Ich glaube nicht, dass sich die beiden kannten.“ Pia grinst. „Herr Professor, die beiden besuchen die gleichen Kurse. Sie kannten sich. Sie standen per E-Mail in Kontakt.“ Erbacher sieht verletzt aus. „Ich hatte keine Ahnung,“ erklärt er würdevoll. „Herr Henseler wurde übrigens in seiner Wohnung ebenfalls überfallen. Er liegt derzeit im Krankenhaus.“ Erbacher greift sich ans Herz und sein Gesicht verzieht sich vor Entsetzen zu einer Grimasse. „Um Himmels Willen. Wie geht es ihm? Was ist passiert?“ Pia nimmt interessiert die echte Sorge zur Kenntnis, die Erbacher um seinen Assistenten empfindet. Wie Vater und Sohn, denkt sie. „Er wurde niedergeschlagen, wie Frau Krüger. Aber er ist nicht lebensgefährlich verletzt. Allerdings waren auf seinem Oberkörper die gleichen Zahlen angebracht, wie bei Frau Krüger.“ Pia zieht zwei Fotos aus der Schublade, die sie vor Erbacher hinlegt. Ohne sie anzurühren, schaut Erbacher auf die kleinen Vierecke auf dem Tisch, mit einer Mischung aus Angst und Abscheu. „Wer tut so etwas? Wer spielt so dekadent mit dem reinsten und wahrsten, das auf dieser Welt existiert?“ Pia ist leicht verwirrt. „Sie meinen…?“ Erbacher sieht empört auf. „Wer missbraucht Zahlen, um damit Gewalttaten zu illustrieren?“ Er gestikuliert ungeschickt und hätte beinahe die Tasse vom Tisch gefegt. Pia seufzt erneut. Mathematiker, noch schlimmer als Philosophen, denkt sie. „Beruhigen Sie sich. Wecken diese Bilder irgendeine Assoziation?“ Erbacher schüttelt stirnrunzelnd den Kopf, er wirkt immer noch ärgerlich. „Nein. Aber das ist absolut lächerlich. Diese Zahlenreihe dokumentiert deutlich die Oberflächlichkeit, mit der sich da jemand in Numerologie versucht hat. Kein Mathematiker würde eine solch grobe Symbolik verwenden.“ Pia versucht, ein Grinsen zu unterdrücken. „Welche Zahlen hätte ein Mathematiker für diesen Zweck angebracht?“ Erbacher wird vorsichtig. „Mathematiker würden eine schwierige Situation erstens nicht durch Mord lösen, sondern mit Hilfe der vollkommen gewaltfreien und sehr viel wirkungsvolleren Logik. Zweitens ist es natürlich möglich, durch Zahlen eine Art Botschaft zu übermitteln, ohne sofort einen Code zu verwenden. Sie wissen sicherlich, dass Zahlen im Laufe der Zeit immer wieder mit nicht-mathematischer Bedeutung aufgeladen wurden.“ Erbachers Stimme macht deutlich, dass er wenig Verständnis für dieses Vorgehen hat. „Kein Mathematiker beschäftigt sich ernsthaft damit, aber irgendwann kommt jeder von uns, allerdings meist unfreiwillig, in Berührung mit gewissen Pseudowissenschaften, wie der Numerologie.“ Er schaudert sichtlich. Mit säuerlichem Gesicht fährt er fort: „Unter den unterschiedlichen Richtungen gibt es natürlich qualitative Abstufungen, wie die pythagoräische und die babylonische Zahlenmystik, oder auch die moderne Numerologie Herbert Reichsteins.“ Pia beugt sich interessiert vor. „Wenn Sie als Mathematiker mit dieser Zahlenfolge konfrontiert würden, welche Bedeutung würden Sie herauslesen?“ Erbacher überlegt verwirrt. „Ich weiß es nicht. Ich habe die Ansätze nicht im Kopf. Ich müsste erst nachschauen.“ Pia lächelt. „Dann tun Sie das doch bitte. Ziehen Sie die Quellen heran, die ein Mathematiker heranziehen würde. Wenn wir davon ausgehen, dass die Zahlen eine Botschaft für Sie darstellen, dann sollten Sie auch in der Lage sein, die Botschaft zu verstehen.“
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 71
Erbacher starrt Pia mit offenem Mund an. „Eine geheime mathematische Gruppe? Was verstehen Sie darunter?“ Pias Augen glitzern leicht. „Ich meine damit eine Art geschlossenen Zirkel, zu dem nur Eingeweihte Zutritt haben.“ Diesmal lacht Erbacher nicht. Er lässt sich erschöpft nach hinten fallen. „Das ist zu viel für mich,“ murmelt er. „Alles war in Ordnung, als ich gefahren bin. Völlig normal. Dann komme ich zurück und erfahre von einer Leiche in meiner Wohnung und jetzt auch noch eine Geheimgesellschaft? Was ist nur aus dieser Welt geworden?“ Alena tritt kniet sich neben Erbacher und legt ihm eine Hand auf den Arm. „Vielleicht sollten Sie sich erst einmal ausruhen,“ sagt sie. „Ich kann mir vorstellen, was für einen Schock Sie erlitten haben.“ Sie dreht sich zu Pia um und sagt mit ungewöhnlich fester Stimme: „Es ist besser, wenn das Gespräch morgen fortgeführt wird.“ Pia sieht sie nachdenklich an, nickt dann aber. „Gut. Ich erwarte Sie morgen um 9 Uhr in meinem Büro. Ich lasse Ihnen meine Karte hier.“ Abgestumpft nickt Erbacher; noch nicht einmal die Aussicht, in das Präsidium zitiert zu werden, kann ihn jetzt noch aufregen.
Als er in seine Wohnung gegangen ist, sitzen Alena und Pia einen Moment schweigsam zusammen. Dann meint Alena: „Wir haben uns verrannt, was die Bücher angeht. Teilweise jedenfalls. Ich frage mich allerdings nun, in welcher Hinsicht wir noch auf einer falschen Fährte sind.“ Pia wirft ihr einen scharfen Blick zu. „Das Ergebnis hat gestimmt, es ging tatsächlich um die Riemannsche Hypothese. Nur die Teilschritte waren falsch. Aber wir sind schließlich nicht in einer Mathematikklausur, also ist der Weg zweitrangig. Nur die Lösung zählt.“ Alena zieht eine Grimasse. „Sie sind so verdammt pragmatisch,“ stellt sie fest. Pia grinst. „Und Sie sind so verdammt originell. Zusammen wären wir das perfekte Team.“ Dann wird sie wieder ernst. „Erbacher hat die Krüger nicht ermordet. Unmöglich. Er ist so überzeugend in seiner Ahnungslosigkeit, das ist nicht gespielt. Glauben Sie mir, ich kann das beurteilen.“ Alena glaubt ihr. „Ich kann es mir auch überhaupt nicht vorstellen. Aber wer hat sie dann getötet. Es bleibt ja eigentlich nur noch unsere Geheimgesellschaft, oder?“ Sie unterdrückt ein Gähnen. „Vielleicht ist es auch weniger eine Geheimgesellschaft, sondern eine Art Mathematik-Mafia, die die Lösung der Riemann-Gleichung für sich haben will, um sie dem Komitee vorzulegen und eine Millionen Dollar zu kassieren.“ Pia reibt sich die Augen. „Mathematik-Mafia? Extrem originell. Sie übertreffen sich gerade selbst. Aber ich glaube, ich fahre jetzt nach hause und gehe schlafen. Morgen wird ein anstrengender Tag. Allerdings freue ich mich schon auf das Gesicht von Obersdorf, wenn er Erbacher gegenübersteht.“
Um Punkt Neun Uhr sitzt ein sehr nervöser und übernächtigter Professor Erbacher vor ihrem Schreibtisch und nippt an dem Kaffee, der für seinen Geschmack viel zu stark ist. Pia hat Christopher morgens geweckt und ihm die Neuigkeiten berichtet, nicht ohne ihn darauf hinzuweisen, dass sie inhaftieren wird, wenn er in dieser Angelegenheit auch nur einen Laut von sich gibt. Im Büro hat sie Obersdorf telefonisch mitgeteilt, dass er die Fahndung stoppen kann, weil der Professor sich heute morgen freiwillig für eine Unterhaltung zur Verfügung stellen wird. Nach kurzer Schilderung der nächtlichen Ereignisse war der überraschte und sehr erleichterte Obersdorf damit einverstanden, dass das Verhör in Pias Büro in zwangloser Atmosphäre stattfindet, was immer das auch bedeuten mochte, wenn es sich bei dem Fragensteller um Pia Stein-Bachmüller handelt. Auf das Mikro kann Pia jedoch nicht verzichten und Erbacher starrt nun darauf, wie das Kaninchen auf die Schlange. Um ihn aufzulockern, bittet Pia, nochmals zu wiederholen, was er gestern nacht bereits erzählt hat. Dann beginnt das Bohren. „Ein mögliches Motiv wäre die Skizze mit der Riemann-Lösung. Ist es möglich, dass jemand versucht hat, an die Skizze zu gelangen? Können Sie sich vorstellen, dass jemand Sie mit dem Mord an Frau Krüger bedrohen wollte?“ Angesichts des Mikrophons verzichtet Pia auf die Erwähnung der Geheimgesellschaft. Erbacher schüttelt den Kopf. „Eigentlich wusste niemand von der Skizze.“ Er denkt einen Moment nach. „Es ist richtig, dass Professor Oppermann des öfteren von diesen Pseudo-Forschern belästigt worden ist, die eine Art Code, oder weiß der Himmel was noch, in den Büchern von Lasalle vermutet haben. Aber an mich ist nie jemand herangetreten. Johannes war diesbezüglichen Anrufern gegenüber sehr verschlossen und er hat sicherlich niemals meinen Namen erwähnt.“ Pia spielt mit einem Bleistift. Ihre Augen verengen sich um einen Millimeter. „Professor Oppermann mag das Geheimnis bewahrt haben. Aber was ist mit Ihnen, Herr Professor? Haben Sie anderen Personen von der Skizze erzählt? Von der in Reichweite gerückten Lösung des Eine-Millionen-Dollar-Rätsels?“ Sie bringt ihr Gesicht näher an das von Erbacher heran. „Vielleicht haben Sie Hilfe gesucht, vielleicht haben Sie sich auf einen Pakt eingelassen, den Sie längst wieder bereut haben? Aber Ihr Schweigen macht die Kontaktaufnahme nicht ungeschehen und hilft Ihnen vor allem nicht, Herr Professor. Ein Mensch ist bereits gestorben, vielleicht sind weitere Menschen in Gefahr.“ Pia sieht Erbacher direkt in die Augen. „Es wäre für Sie und die Personen in Ihrer Umgebung besser, wenn Sie kooperieren.“ Erbacher sieht sie verzweifelt und verwirrt an. „Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, bitte glauben Sie mir. Und ich habe niemals an der Universität an der Lösung gearbeitet. Die einzigen Dateien zu dieser Arbeit existieren auf meinem privaten Laptop. Und dieses befindet sich entweder in meinem Arbeitszimmer oder ich nehme es mit zu Johannes Oppermann.“ – „Was ist mit Melanie Krüger? Haben Sie ihr gegenüber etwas von den Arbeiten erwähnt? Hat sie vielleicht spioniert?“ Erbacher starrt Pia entsetzt an. „Du lieber Himmel, nein, das hat sie sicher nicht.“ Er fügt hinzu: „Ich habe wirklich niemals mit ihr darüber geredet. Ehrlich gesagt bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob sie wusste, worum es sich bei der Riemann-Gleichung handelt.“ Ein schmerzhafter Ausdruck tritt in seine Augen, den Pia eher dem Gram über die Unwissenheit seiner Studentin, als der Erschütterung über deren vorzeitiges Ableben zuschreibt. Sie greift zu einem Blatt Papier und schiebt es ihm über den Schreibtisch. „Wir haben zwischen Ihren Büchern einen Brief gefunden, der in einem Code geschrieben ist, der gerade von den Spezialisten des Bundeskriminalamts geknackt wird. Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch in Kontakt mit dubiosen Zirkeln stehen, Professor Erbacher?“ Erbacher sieht auf den mit Zahlenkolonnen bedeckten Zettel, schüttelt den Kopf, entdeckt dann das Pentagramm und runzelt die Stirn. „Wo haben Sie das gefunden? Bei mir in der Wohnung?“ Pia nickt. „In einem Lexikon, unter dem Buchstaben P wie Pentagramm.“ Sie lehnt sich zurück und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ihr Assistent, Herr Henseler, sagte aus, dass Sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen solchen Brief erhalten haben, den Sie jedoch versuchten, vor ihm zu verbergen?“ Erbachers Augen weiten sich. „Herr Henseler hat eine solche Aussage getan? Ich kann mich absolut nicht an einen solchen Vorfall erinnern, und ich weiß auch nicht, wie Herr Henseler auf diese Idee kommt. Ich kann mir das nicht erklären, er ist ein sehr verlässlicher und ruhiger Mitarbeiter.“ Die Aussicht, dass Henseler ihn belastet haben könnte, erschüttert Erbacher sichtlich. Er atmet tief ein und aus, und versucht die Fassung zu bewahren. „Glauben Sie mir, ich kenne diesen Brief nicht und habe ihn nie zuvor in den Händen gehalten. Was steht denn nun darin? Haben Ihre Spezialisten den Inhalt herausbekommen?“ Pia schüttelt den Kopf. „Bisher nicht, aber sie sind sich sicher, dass es sich um eine Verschlüsselung handelt.“ Dann schnellt ihr Oberkörper wieder nach vorn. „Apropos Schlüssel – wie viele Schlüssel existieren zu Ihrer Wohnung?“
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Krimi im Blog: zahlen und zeichen 70
Alena beugt sich aufgeregt vor. „Es ist wahr, oder? In den Büchern von Lasalle ist die Lösung für die Riemannsche Vermutung versteckt, und Sie haben es geschafft, den Code zu knacken, mit dem die Lösung verschlüsselt wurde?“ Der Blick von Erbacher verändert sich. Erst scheinen seine Züge zu entgleisen, dann geht ein Zucken über sein Gesicht. Pia und Alena beobachten die Veränderung entsetzt. Dann öffnet Erbacher den Mund und beginnt schallend zu lachen. Erst sind die beiden Frauen unfähig, sich zu bewegen, dann aber sehen sie sich ratlos an. „Professor Erbacher,“ beginnt Alena vorsichtig, und Erbacher bringt keuchend ein: „Entschuldigen Sie bitte.“ hervor. Schließlich beruhigt er sich langsam. „Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Sie diese verrückten Phantasien für bare Münze nehmen, die in diesen ganzen skurrilen Gruppen kursieren.“ Er wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Nein, glauben Sie mir, die Bücher sind einfach nur Darstellungen mathematischer Historie von dubiosem wissenschaftlichen Wert. Viktor Lasalle hätte besser sein mathematisches Talent weiter ausbauen sollen, anstatt sich auf das Schreiben dieser Werke zurückzuziehen.“ Erbacher schmunzelt. „Die Tatsache, dass diese Bücher so unglaublich schlecht geschrieben sind, hat wohl manche Menschen zu der Annahme inspiriert, dass sie etwas verbergen, oder zu einem bestimmten Zweck geschrieben wurden.“ Alena atmet hörbar ein und aus. Pia beobachtet sie von der Seite und fragt sich, welche metaphysische Hoffnung für sie wohl gerade in einem sehr prosaischen Altglasscherbenhaufen endete. „Aber was ist mit der Riemannschen Vermutung? Kennen Sie die Lösung?“ Alenas gibt noch nicht auf. Erbacher sieht sie nachdenklich an. Dann sagt er vorsichtig: „Es ist richtig, dass Professor Oppermann und ich daran arbeiten. Es ist auch richtig, dass wir auf der Grundlage von Überlegungen von Lasalle aufbauen. Diese Überlegungen wurden von Lasalle damals skizziert und in das Buch über Pythagoras gelegt. Johannes Oppermann hat die Blätter Jahre später in diesem Buch gefunden. Er war der Erbe von Lasalle, wissen Sie, aber er hat sich erst nach der Emeritierung näher damit beschäftigt und ist dann plötzlich auf diesen Fund gestoßen.“ Erbacher sieht Alena bedeutungsvoll an. „Er hat sofort erkannt, worum es sich handelt. Es war nur eine Skizze, aber es handelte sich um einen völlig neuen Ansatz. Er hatte sich mit mir in Verbindung gesetzt. Wir kennen uns noch aus der Zeit, als ich sein Student war, und sind seitdem immer in Kontakt geblieben. Wir haben uns mit den Skizze beschäftigt und sind zu dem Schluss gekommen, dass Lasalles Methode erfolgversprechend ist. Wir haben regelmäßig daran gearbeitet, bis wir auf ein Hindernis gestoßen sind, das Johannes letzte Woche überwinden konnte. Darum bin ich zu ihm gefahren. Wir sind nahe daran, diese Lösung zu einem Ende zu bringen.“ Erbacher sieht einen Moment lang an Alena vorbei in die Ferne. „Verstehen Sie, was das bedeutet,“ sagt er träumerisch. „Mathematische Entdeckungen macht man gewöhnlich bis zum 30. Lebensjahr, dann hat man seinen Zenith überschritten. Wenn wir beide, Johannes, der bereits emeritiert ist, und ich, der seine besten Jahre auch schon hinter sich hat, diese Leistung vollbringen könnten…. Ganz davon abgesehen, dass Viktor Lasalle mit einem Schlag rehabilitiert wäre. Das liegt Johannes noch mehr am Herzen, als sein eigener Erfolg.“ Er sieht Alena mit weit geöffneten Augen an. „Johannes ist schon über 80 Jahre alt. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Lösung dem Komitee zu präsentieren.“ Alena nickt verständnisvoll. Dann runzelt Erbacher die Stirn. „Woher wissen Sie von dem Buch?“ Alena sieht Pia verlegen an und diese greift den Faden auf. „Ihre Wohnung ist auf Hinweise durchsucht worden, und dabei sind wir auf das Buch über Pythagoras gestoßen,“ erklärt sie mit einer Sicherheit, die mehr oder weniger gespielt ist. Brechen jetzt auch ihre Mordtheorien wie ein Kartenhaus in sich zusammen? Erbacher reagiert entsprechend erstaunt. „Ein Buch über Pythagoras als Hinweis auf den Tod von Frau Krüger? Wie kommen Sie darauf?“ Wieder wechseln Pia und Alena einen vorsichtigen Blick. Pia versucht eine möglichst professionelle Erklärung: „Die Art und Weise, wie die Leiche präpariert war, lies den Schluss auf die mögliche Beteiligung einer Art von mathematischer Sekte oder Gruppierung zu. Wir haben also nach Anhaltspunkten gesucht, die diese Schlussfolgerung unterstützen.“ Erbacher ist bei ihren Worten bleich geworden. „Die Art und Weise… . Heißt dass, das der Körper,“ er sucht nach Worten. „Verunstaltet wurde?“ Alena macht eine beruhigende Handbewegung und wirft Pia einen vorwurfsvollen Blick zu. „Die Leiche wurde nicht verstümmelt. Aber der Mörder hat eine Zahlenfolge auf ihren Rücken geschrieben.“ Diese Erläuterung beruhigt Erbacher nicht wesentlich. „Was für eine Zahlenfolge,“ fragt er und fröstelt sichtlich. Pia beobachtet ihn. Er scheint es wirklich nicht zu wissen, denkt sie. Er hat keine Ahnung. Sie wollte erst intervenieren, als Alena in Begriff war, die Zahlen zu erwähnen. Pia wollte diese Information gezielt einsetzen, um Erbacher auf die Wahrheit seiner Aussagen zu testen. Aber seine Reaktion war zu echt um eine schauspielerische Leistung zu sein. Alena nennt die Zahlen und Erbacher zuckt ratlos mit den Schultern. „Zwei mal drei ist sechs. Drei Sechsen sind die Zahl des Teufels. Das ist alles nicht sehr subtil, finden Sie nicht auch?“ Pia zieht eine Grimasse. „Wir haben nie behauptet, dass der Mörder ein begnadeter Mathematiker ist. Aber können Sie sich vorstellen, warum jemand die Zahlen auf Frau Krügers Leiche angebracht hat? Haben diese Zahlen für Sie selbst, oder für Ihre Beziehung irgendeine Bedeutung?“ Erbacher wird erneut rot. „Unsere Beziehung, wenn Sie es so nennen wollen, war nicht besonders romantisch. Wir haben keinen Jahrestag gefeiert, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Er denkt einen Moment nach. „Ich kann mir das alles nicht erklären. Es ergibt keinen Sinn.“ Alena beobachtet, wie Pia sich langsam nach vorne beugt. Sie nimmt ihre Raubtierhaltung an, denkt Alena beunruhigt. „Haben Sie jemals von der Existenz einer geheimen mathematischen Gruppe gehört, deren Erkennungszeichen ein Pentagramm ist, und die mit der hiesigen Universität zusammenhängt?“
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Krimi im Blog: Zahlen und Zeichen 69
Pia sitzt in Alenas Wohnzimmer und hält eine Tasse Kaffee in der Hand. Ihr gegenüber rutscht ein sehr nervöser Professor Erbacher auf dem Sofa herum und versucht zwanghaft, Pias prüfendem Blick auszuweichen. Es gelingt ihm nicht und schließlich gibt er auf und sieht sie an. „Es ist wahr, ich hatte eine Affäre mit Melanie," Erbacher stockt einen Moment und verbessert sich dann, "Frau Krüger.“ Er schluckt. „Mein Gott, ich kann nicht glauben, dass sie tot ist.“ Pia beugt sich vor. „Sie bleiben also bei Ihrer Aussage, dass Frau Krüger noch gelebt hat, als Sie letzten Sonntag die Wohnung verlassen haben?“ Pia intensiviert ihren bohrenden Blick und Erbacher weicht leicht zurück. Alena lehnt am Türrahmen und versucht Pia durch eine Handbewegung dazu zu bringen, etwas sanfter zu dem völlig verwirrten Professor zu sein. Sie fragt sich, ob es richtig war, Pia anzurufen, aber es schien das Naheliegendste in dieser verrückten Situation. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, hatte sie Erbacher in die Wohnung gebeten, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie damit einen Mörder hineinließ. Die Ratlosigkeit und Überraschung des Professors waren in ihren Augen nicht gespielt, und hatte sie nur in ihrem immer schon existierenden Eindruck bestärkt, dass Erbacher unmöglich den Mord begangen haben konnte. Nachdem sie vorsichtig aus ihm herausbekommen hatte, dass er die ganze letzte Woche bei einem Bekannten verbracht hatte und erst heute abend zurückgekehrt sei, brachte sie ihm schonend bei, dass eine Leiche bei ihm in der Wohnung gefunden worden war. Erst nach einem Kognak war der Professor wieder in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren und nach der Identität des Opfers zu fragen. Die Information, dass es sich bei der Toten um seine Studentin Melanie Krüger handelte, machte die Verabreichung von zwei weiteren Kognaks erforderlich. Alena benötigte ihre gesamte Überzeugungskraft, um den völlig aufgelösten Professor davon zu überzeugen, dass er mit der Polizei reden musste. Um ihm jedoch ein offizielles Verhör zu diesem Zeitpunkt zu ersparen, schlug sie vor, ihre Bekannte, die Kommissarin, anzurufen. Um Pia zu dieser nachtschlafenden Zeit aus dem Bett zu holen, war dagegen keine besondere Überzeugungskraft notwendig.
Erbacher nickt nun verstört auf Pias Frage. „Sie war natürlich noch lebendig. Sie war etwas indigniert, weil ich sie so plötzlich verlassen musste, aber sie hat schließlich eingesehen, dass es dringend erforderlich war, dass ich mich ohne Umschweife auf den Weg machte.“ Die nachträgliche Erinnerung an seinen unhöflichen Aufbruch schien Erbacher weitaus mehr zu belasten, als die Tatsache, dass die Krüger jetzt tot war. „Wieso haben Sie mitten in der Nacht einen Anruf erhalten und wohin mussten Sie so dringend fahren?“ Erbacher blickt wieder hoch. „Ich war bei einem Bekannten, mit dem ich an einem mathematischen Projekt arbeite.“ Seine Stimme wird fester. „Es ist ein sehr wichtiges Projekt. Mein Bekannter rief mich an um mitzuteilen, dass er ein Problem gelöst hat, an dem wir seit geraumer Zeit gearbeitet hatten. Das bedeutete, dass wir endlich einen Fortschritt erzielt hatten und darum bin ich sofort zu ihm gefahren.“ Pia runzelt die Stirn. „Warum haben Sie an der Uni nicht bescheid gesagt? Niemand wusste, wo Sie sind. Wir haben nach Ihnen fahnden lassen.“ Der Professor wird bleich. „Um Gottes Willen, nach mir? Fahnden? Aber ich habe doch nichts getan!“ Dann erinnert er sich an Pias erste Frage und wird offensichtlich verlegen. „Es stimmt allerdings, dass ich wohl versäumt habe, mich abzumelden. Ich wollte Montag Morgen sofort bei meinem Assistenten, Herrn Henseler, anrufen, aber das habe ich wohl vergessen.“ Er wirft Pia einen flehenden Blick zu. „Verstehen Sie, wir waren wie im Rausch! Nach der Lösung dieses Problems hat uns die Arbeit buchstäblich mitgerissen, wir haben vollkommen die Zeit vergessen.“ Ein stolzes Lächeln überfliegt plötzlich seine Züge und er erklärt feierlich: „Eines der größten mathematischen Rätsel unserer Zeit wird vielleicht bald eine Lösung erfahren.“ Pia hebt die Augenbrauen. „Ein Rätsel, das viel dringender einer Lösung bedarf, ist vielmehr die Frage, wer Melanie Krüger ermordet hat.“ Erbacher erinnert sich wieder, in welcher Situation er steckt, und schluckt erneut. „Ich habe nicht die geringste Ahnung,“ murmelt er. „Was hat Frau Krüger gemacht, als Sie die Wohnung verlassen haben? Sie ist nicht ebenfalls gefahren?“ Erbacher versucht, sich zu erinnern. „Sie befand sich noch im Bett,“ erklärt er, leicht errötend. „Sie wollte eine Dusche nehmen und dann die Wohnung verlassen. Ich musste mich beeilen, ein paar Sachen zusammenpacken, meine Unterlagen, mein Laptop.“ Pia und Alena werfen sich einen Blick zu. „Warum haben Sie Ihren Rechner mitgenommen?“ Erbacher sieht Pia erstaunt an. „Alle wichtigen Berechnungen sind auf dem Laptop. Ich brauche es, um weiterzuarbeiten.“ Logisch, denkt Pia. Sie fragt weiter:„Wer ist Ihr Bekannter? Wir müssen Ihre Geschichte durch ihn bestätigen lassen.“ Erbacher wird hektisch. „Es wäre mir wirklich sehr unangenehm, wenn er in die Angelegenheit hineingezogen würde. Ich versichere Ihnen, ich habe nichts mit dem Tod der armen Frau Krüger zu tun. Ich bin Sonntag Nacht zu meinem Bekannten gefahren und habe mich dort bis heute Abend aufgehalten.“ Pia wiederholt stoisch: „Der Name Ihres Bekannten.“ Erbacher wirft Alena einen hilfesuchenden Blick zu, aber diese nickt nur ernst. „Es ist notwendig, Professor. Ihr Bekannter wird von der Polizei nicht belästigt werden, er muss nur bestätigen, dass Sie sich bei ihm aufgehalten haben, und nicht etwa versucht haben, sich aufgrund der Vorfälle in Ihrer Wohnung zu entziehen.“ Erbachers Blick wird panisch, als er einen Gedanken aufgreift, der ihm erst jetzt gekommen zu sein scheint. „Sie wollen doch nicht sagen, dass ich selbst verdächtigt werde, die arme Frau Krüger….“ Er bricht ab, weil ihm die Worte fehlen. „Nein, dass glauben Sie doch nicht.“ Verzweiflung schwingt jetzt in seiner Stimme. Dann leise das Zugeständnis: „Sein Name ist Johannes Oppermann. Er lebt in der Nähe von Stuttgart. Bei Professor Oppermann bin ich bis heute gewesen. Wir arbeiten zusammen an einer mathematischen These.“ Pia hat die Luft angehalten. Alena kommt näher und setzt sich auf die Lehne des Sessels, auf dem Pia sitzt. „Sie arbeiten an der Riemannschen Vermutung, und zwar mit Hilfe von Büchern, die Viktor Lasalle Professor Oppermann hinterlassen hat.“ Auf Alenas Frage zuckt der Professor zusammen. „Woher wissen Sie das? Was wissen Sie von den Büchern?“ Seine Stimme zittert und sein Gesicht ist noch bleicher geworden.
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